Das Tiger-Kartell

NZZ am Sonntag Magazin, 24. Januar 2021
Fotos von Hook Films
Ein Lastwagen voller Tiger wird am europäischen Zoll gestoppt. Sind sie für den Markt in China bestimmt, wo sie massenweise in Suppentöpfen landen? Ein Schweizer kämpft gegen ein globales Netzwerk, das mit dem illegalen Handel von exotischen Tieren Milliarden verdient.

In Zusammenarbeit mit Sacha Batthyany

Am 22. Oktober 2019, einem sonnigen Dienstagmorgen, fährt ein weisser Lastwagen durch das Industriegebiet von Latina, siebzig Kilometer von Rom entfernt, und bleibt auf einem Gelände voller Zirkuszelte stehen. Die beiden Fahrer, Marco A. und Alessio D., haben schon so einiges quer durch Europa gekarrt, Möbel, Früchte, Autoersatzteile, aber mit einer solchen Fracht hatten sie es noch nie zu tun.

Zehn ausgewachsene Tiger, jeder weit über hundert Kilo schwer, fauchende Grosskatzen in viel zu kleinen Käfigen.

Es dauert mehrere Stunden, bis die Tiere im Laderaum verstaut sind. Abends um halb acht geht die Reise los, so ist es den Gerichtsakten zu entnehmen. Die beiden Männer und die zehn Tiger lassen Rom hinter sich, übernachten in der Nähe von Siena und fahren in der Dämmerung über Bologna und Verona nach Österreich. Fünfmal pro Tag machen sie Pause, Wien, Brünn, in der Nähe von Ostrava passieren sie die Grenze zwischen Tschechien und Polen; in Gliwice verbringen die Männer ein paar Stunden in einer Shoppingmall, während die Tiger auf dem Parkplatz vor sich hin vegetieren.

Es ist nichts Ungewöhnliches, dass exotische Tiere wie Löwen, Elefanten oder Kamele auf europäischen Autobahnen von einem Besitzer zum anderen transportiert werden. Zirkusse und Vergnügungsparks tauschen sie zum Teil mo­natlich aus, wie Cabarets ihre Tänzerinnen, denn ihr Job ist ähnlich – sie alle sind da, um Menschen zu unterhalten, Tiere wie Frauen. Die einen springen durch Flammenreifen, die anderen räkeln sich an Stangen, und wenn sie ihr Publikum nicht mehr fesseln, werden sie abgeschoben.

Aber gleich zehn Tiger auf einmal in einem Lastwagen, der nur für Pferde zugelassen ist? Und wieso sind ihre Käfige 80 Zentimeter hoch und nicht 120, wie es Vorschrift wäre?

Die Tatsache, dass die Tiere im Lastwagen nach Dagestan verkauft wurden, macht ihre Lage nicht besser. Die russische Kaukasusrepublik ist nicht gerade bekannt für artgerechte Tierhaltung und gilt als Hort der organisierten Kriminalität. Zudem hat der Vergnügungspark in Dagestan namens «Skazka», russisch für «Märchen», der den beiden italienischen Fahrern als Adresse angegeben wurde, seine rostigen Tore schon vor Jahren geschlossen, das Gelände ist im Besitz eines Alkoholkonzerns. Ihr Ziel ist nur ein Märchen.

Gemäss Schätzungen der Uno setzt der illegale Artenhandel jährlich bis zu 23 Milliarden Dollar um und ist nach ­Drogen und Waffen der drittlukrativste. Und er spielt sich nicht nur in fernen Ländern ab, wie viele glauben. Neben Rhinozeroshörnern und Elfenbein gehören Tigerprodukte, auch aus Europa, zu den begehrtesten.

Weiterfahrt. Am 24. Oktober, 46 Stunden nach der Abfahrt in Latina, wird der Lastwagen in Terespol, Polen, Aussengrenze der EU, am Übergang nach Weissrussland gehindert, weil die Dokumente unvollständig sind und einer der Fahrer kein Visum hat. Im Niemandsland zwischen den Zollposten bleibt der Lkw stehen. Die Tiger werden mit rohem Huhn gefüttert, ihr Fell ist schmutzig und voller Parasiten. Die polnischen Zöllner sind überfordert, die italienischen Fahrer murren, ein russischer Mittelsmann erscheint aus dem Nichts, so erzählen es Journalisten, die anwesend waren, und versucht, die Fracht an sich zu reissen, während aus Poznan angereiste Tierärzte von einer Tragödie sprechen.

Ein tagelanges Ringen nimmt jetzt seinen Lauf, alle schrei­en sich an und fuchteln mit Dokumenten. Der weisse Lkw aus Latina wird von Dutzenden Menschen umringt, die es alle besser wissen, während das Futter für die Tiere knapper wird. Bis ein Inspektor bemerkt, dass sich einer der zehn Tiger, ganz hinten im Laderaum, nicht mehr bewegt.

Da waren es nur noch neun.

Tigerpenis fördert Potenz

Der Tiger, Panthera tigris, grösste Katze der Welt, diente Re­ligionen als Gottheit, uralte Lieder und Erzählungen ver­klärten ihn zur Legende. Noch heute gilt er als Symbol für Stärke, ziert Wappen, Firmenlogos und als Tattoo so manche Wade. Und wenn von aufstrebenden Wirtschaftsnationen die Rede ist, spricht man von Tigerstaaten, nicht von Löwen.

Seine Bannkraft ist sein Verderben.

Anfang des 20. Jahrhunderts existierten noch rund 100000 wilde Tiger, etwas mehr als die Hälfte von ihnen auf dem indischen Subkontinent. Heute leben in 13 Staaten nur noch etwa 3900. Und jährlich verringert sich ihr natürlicher Lebensraum durch die Zerstörung der Wälder, durch die Ausdehnung des Menschen. In den letzten hundert Jahren hat sich das Verbreitungsgebiet der Tiger um 95 Prozent verkleinert. Drei der neun Unterarten wurden bereits ausgerottet, der Rest lebt in kleinen, weit auseinanderliegenden Revieren ohne Möglichkeit zur ge­netischen Auffrischung – bedroht von Wilderern, die sich so lange auf die Jagd nach den seltenen Tieren begeben, bis es bald keine mehr gibt.

Bei den Zirkustigern, auch jenen im Lkw an der polnischen Grenze, handelt es sich um gezüchtete Tiger. Rund 12600 dieser Exemplare gibt es weltweit, niemand weiss das so genau, weil sie nicht überall registriert werden. In China leben 6000, in den USA knapp die Hälfte, viele davon im Schlafzimmer, solange sie noch klein und Instagram-tauglich sind, und später in Käfigen im eigenen Garten. Sich einen Tiger zu halten, ist in manchen Ländern zum ultimativen Statussymbol geworden, weil Lamborghinis allein ja doch nicht glücklich machen. Man kann im Internet Tigerbabys in Europa kaufen, was eine Frau in Österreich 2019 tat. Sie hielt zwei Jung­tiere in der Badewanne. Aber darüber nachgedacht, was sie mit ihnen tut, wenn sie dereinst pro Tag acht Kilo Fleisch verzehren, hat sie nicht.

Obwohl die Tiger in Gefangenschaft für ungeübte Augen gleich aussehen wie ihre vom Aussterben bedrohten Artverwandten im Dschungel, gelten sie als billige Kopien, als Tiger zweiter Klasse. Sie werden weder in Liedern besungen noch von internationalen Abkommen geschützt. Zirkustigern wird applaudiert, solange sie in Manegen auf bunten Gummibällen balancieren oder noch so klein sind, dass man sie mit Camembert füttern kann, wie in einem Zoo nahe Paris, aber sobald sie älter werden, gelten sie als lästig und teuer und sind tot mehr wert als lebendig.

Manche dieser Zweitklasstiger werden in Zoos und Zirkussen geboren. Andere wachsen in illegalen Tigerfarmen auf, in Asien, aber auch mitten in Europa, leben wie Hühner in Batterien, und sind sie gross genug, werden sie geschlachtet und gehäutet, die Knochen zu Pulver und Salben verarbeitet. Eines muss man der chinesischen Medizin lassen. Wenn es um Tiger geht, findet sie für jedes Schnurrhaar eine Verwendung: Die Pfoten helfen angeblich gegen Arthritis, der Penis fördert die Potenz, die Zähne sind gut gegen Asthma, die Lunge lin­dert Krebs, der Schwanz befreit von Pickeln, die Galle von nervösen Zuckungen, das Blut stärkt die Willenskraft, und das Fell verleiht manchem Penthouse von Moskau bis Schanghai das gewisse Etwas. Es gibt Tigersuppe, Tigerwein, Tigerfett, und wenn das Tier lebendig geschlachtet wird ohne Betäubung, haben die Knochen einen rosa Schimmer und zieren die Halsketten der asiatischen Jeunesse dorée.

Ein toter Tiger ist auf dem Markt bis zu 22000 Dollar wert, was bedeutet, dass Marco A. und Alessio D., die den Lkw durch Europa lenkten, eine Fracht von einer viertel Million im Laderaum mit sich führten.

Ihr Besitzer, der Mann, der die Tiger an den Zoo in Derbent, Dagestan, verschacherte, trägt in der Öffentlichkeit gerne Panama­hut und Sonnenbrille und heisst Gaetano Montico. Er stammt aus einer der berühmtesten Zirkusfamilien im zirkusverrückten Land Italien und besitzt mehr als dreissig Grosskatzen, die er auf einem Gelände ausserhalb Latinas hält. Nie wollte dieser Gaetano etwas anderes als Dompteur werden. Auch als ihn ein Löwe beinahe zu Tode gebissen hatte, stand er kurze Zeit später wieder in der Manege. Und wer ihn heute fragt, ob er lieber unter Menschen sei oder unter Tieren, dem antwortet er: «Mein bester Freund heisst Simba und wiegt 200 Kilo.»

Es sei einfach, ihm die Schuld an der Misere der Tiger in die Schuhe zu schieben, sagt uns Gaetano Montico am Telefon. «In der Öffentlichkeit sind wir immer die Bösen», in Wahr­heit aber liebe er seine Löwen und Tiger. «Sie sind unsere Familie. Der Zirkus ist ihr Zuhause.»

Er sieht sich vielmehr als Wohltäter, als einer, der sich um Tiere kümmere, die niemand wolle. Wöchentlich erhalte er Anrufe aus ganz Europa. Zirkusse und Hobbyzüchter würden ihn anflehen, noch einen Tiger, einen alten Löwen oder wenigstens einen Puma aufzunehmen. 15000 Euro habe er aus eigener Tasche für die Nahrung der zehn Tiger ausgegeben, die ursprünglich aus Frankreich kamen, bis ihn die Anfrage aus Dagestan erreichte, ob er nicht noch Tiere für einen Zoo habe. Und als die Dokumente bei ihm eintrafen, unterzeichnet vom russischen und vom italienischen Veterinärministerium, gab es für ihn keinen Grund zu zögern.

An Gaetano Monticos Version der Geschichte ist einiges fadenscheinig. Auch unserer Frage, warum er seine Tiger an einen Zoo verkauft habe, den es nicht gibt, weicht er aus. Und trotzdem scheint er nicht der Tierquäler zu sein, für den ihn viele halten. Viel eher wirkt er wie aus der Zeit ge­fallen, wie ein Jäger, der sich vor Veganern für sein Hobby rechtfertigen muss. Seinen Tigern und Löwen aber dieselben Rechte zu­zusprechen wie uns Menschen, wie das Tierakti­visten seit ein paar Jahren fordern, hält einer wie Gaetano Montico für neumodisches Geschwurbel.

Montico weiss, dass es in ein paar Jahren keine Tiger in Zirkussen mehr geben wird, «der Zeitgeist will es so». Doch der Vorwurf, er bereichere sich an ihnen, indem er sie nach China verkaufe, gehe zu weit.

Das sieht der Tieraktivist Andrea Casini anders. Er ist da­von überzeugt, dass Monticos Tiger, die in Polen strandeten, für den asiatischen Markt bestimmt waren. Dagestan sei ein bekannter Umschlagplatz für alle möglichen illegalen Waren. An der Grenze zwischen Kasachstan und China, an der Route also aus Europa, beschlagnahmt der Zoll jährlich Waren im Wert von einer Million Dollar.

Casini verweist auf die enge Beziehung von Montico zur lokalen Regierung. Jedes Jahr findet in Latina ein Zirkusfestival statt, das viel Geld in die Kassen der Stadt spüle. «Der Zirkus von Gaetano Montico zelebriert Tradition und Folklore», die zur konservativen Stadtregierung passten. Doch die angeblichen Verbindungen zu den Behörden, die Aktivisten suggerieren, bleiben Gerüchte. Darauf angesprochen, beginnt Gaetano Montico zu lachen und hört nicht mehr auf. Er habe ein reines Herz, sagt er. «Un cuore puro.»

Der Fall zeigt die vielen Schwächen des Systems auf, das zum Schutz der Tiger erfunden wurde: Um sie legal von Italien und damit von der EU nach Russland zu verkaufen, benötigte Gaetano Handelspapiere von Cites. Das Artenschutzabkommen «Convention on International Trade in Endangered Species» wurde vor 48 Jahren geschlossen, um bedrohte Tier- und Pflanzenarten vor dem Aussterben durch zu viel Handel zu bewahren. 183 Länder haben es unterzeichnet, darunter auch Laos, Vietnam oder China, in denen es einst der Elite vorbehalten war, Tigerfilet zu essen oder zu glauben, sich mit Tigerwein potent zu trinken. Aber in der wachsenden Mittelschicht will bald jeder Elite sein, und so wird der Hunger nach Tigern immer grösser: Global hat sich der illegale Handel zwischen 2007 und 2018 verdoppelt.

Dabei sind wilde Tiger, wie Menschenaffen oder Nashör­ner, so stark bedroht, dass sie nicht gehandelt werden dürfen. Dieser rigorose Schutz aber gilt nicht für ihre Verwandten, die aus Nachzuchten stammen und in Gefangenschaft leben: den Tigern zweiter Klasse, für die je nach Land andere Gesetze herrschen, wobei die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität verschwimmen.

Retter der Tiere

In den meisten Ländern Europas, auch in der Schweiz, darf man Tiger entweder privat, in Zoos oder Zirkussen halten und weiterverkaufen. Eine Zucht, mit dem Ziel, sie zu schlachten und zu Hämorrhoiden-Salben zu verarbeiten, ist zwar nicht erlaubt, passiert aber dennoch, denn die Kontrollen sind lax. Es fehlt nur schon der Überblick, wo sich wie viele der Tiere befinden und durch welche Hände sie gingen. «Die Dokumente lassen sich leicht fälschen», sagt der Experte Kieran Harkin von der Tierschutzorganisation Vier Pfoten; zudem gibt es et­liche zwielichtige Zoos wie in Dagestan, die keine sind, sondern als Umschlagplatz oder Schlachthaus fungieren. «90 Prozent des illegalen Handels mit Tieren bleiben unentdeckt», sagt Harkin.

Der Markt mit Tigern zweiter Klasse floriert, was den Druck auf die letzten wilden Tiger erhöht, denn von ihnen geht diese fast mythische Kraft aus: So begehrt die Knochen, Klauen und Zähne von Zuchttigern auch sind, die von wilden Tieren sind immer wertvoller.

Es ist kein Geheimnis, dass Cites-Behörden von manchen Ländern nicht nur zu ungenau arbeiten, sondern auch ein Korruptionsproblem haben. In Guinea zum Beispiel wurde 2015 der Chef des lokalen Cites-Managements verhaftet, weil er schätzungsweise 138 wilde Schimpansen und zehn Gorillas als gezüchtet deklarierte und damit ihren Transport in chinesische Zoos und Privatparks ermöglichte. Auch ehemalige Artenschmuggler wie Johann Zillinger prahlen damit, wie einfach sich Cites-Dokumente fälschen oder Zollbeamte bestechen lassen. Der Österreicher schmuggelte während dreissig Jahren exotische Vögel von Brasilien nach Europa und sagte dem Magazin des «Tages-Anzeigers»: «Cites hat uns Tür und Tor geöffnet.»

Das System, das einst zum Schutz der Arten eingeführt wurde, hat derart viele Schlupflöcher, dass es für Schmuggler zu einem dienlichen Instrument verkam, um ihre illegalen Aktivitäten weisszuwaschen.

Einer, der die Umsetzung des Artenschutzabkommens seit Jahren anprangert und auch sonst kein Blatt vor den Mund nimmt, ist der Schweizer Fotograf und Tieraktivist Karl Ammann, der mit seiner Frau und zwei ausgewachsenen Schimpansen in Nanyuki, Kenya, lebt.

Ammann hat eine Biografie wie einer dieser Abenteurer aus einem Bruce-Chatwin-Buch: In St. Gallen geboren und früh dem Fernweh verfallen, arbeitete er 1974 als Hotelma­nager in Kinshasa, wo er mithalf, den legendären Boxkampf «Rumble in the Jungle», zwischen Muhammad Ali und George Foreman, zu organisieren; später liess er sich am Fuss des Mount Kenya nieder, baute eine Terrasse, von der er heute noch auf wilde Elefanten und Zebras blickt. Geld verdiente er mit Fotos der noch intakten Fauna. Doch eine Reise auf dem Kongo 1989 sollte seinen Blick auf Afrika, auf die Tiere und den Menschen auf den Kopf stellen. Aus Ammann, dem Fotografen für das Schöne, wurde der Aktivist. Er konnte die Augen vor dem Grauen nicht länger verschliessen.

Wochenlang reiste er damals auf einem Kahn 1730 Kilometer den Kongo hinauf, von Kinshasa nach Kisangani, als er bemerkte, dass ihm auf schwimmenden Märkten geräucherte Affen und Kadaver anderer Wildtiere angeboten wurden, sogenanntes Bushmeat. Irritiert und angewidert begann er, den Handel zu dokumentieren, filmte angekettete Affen und Affenschädel auf Tellern; er reiste quer durch Afrika auf der Suche nach Händlern und Hintermännern und veröffentlichte sein Buch «Eating Apes», das weltweit eine Debatte darüber auslöste, wie wir Menschen mit unseren nächsten Verwandten umgehen. Als ihn das «Time»-Magazin 2007 in die Liste der «Umwelthelden» aufnahm, hatte Ammann schon ein weiteres Tier im Blick, dem es ähnlich mies ging wie den Affen auf den Tellern: den Tigern.

Zehn Jahre lang arbeitete Ammann an einem Film über den Handel mit den Grosskatzen. «The Tiger Mafia» soll im April Weltpremiere feiern. Ammann ist in jenen Ländern unterwegs, die im asiatischen Raum als Epizentrum des Tiger­handels gelten, in Thailand, Laos, China und Vietnam. Dabei ist ihm jedes Mittel recht, um die Verbrechen zu dokumentieren: Er gibt sich als Käufer aus und hört mit gespielter Begeisterung zu, wenn ihm Händler erzählen, sie hätten dank Tiger­medizin mühelos bis zu 45-mal im Monat Sex. Er filmt mit Kameras, die hinter Sonnenbrillen und in Kugelschreibern ver­steckt sind, und trifft sich in Laos mit dem Pablo Escobar des Wildtierhandels.

Und am Ende isst Ammann sogar Tiger.

Es sind Methoden, die den Schweizer an allen Fronten zur umstrittenen Figur machen. Keiner geht so hohe Risiken ein, um den illegalen Tierhandel zu bekämpfen, und keiner macht sich dabei mehr Feinde – auch in den eigenen Reihen. Tierschutzorganisationen? «Sind ineffizient und verlogen, weil sie nur Feel-good-Storys verbreiten», sagt Ammann. Cites-Beamte? «Bürolisten, die keine Ahnung von der Realität haben und sich vor der Grossmacht China ducken.» An den jährlichen Cites-Konferenzen ist er inzwischen nicht mehr zugelassen, weil er die chinesischen Beamten angeblich zu sehr mit seinen Fragen bedrängte.

Ammann ist ein Getriebener, den manche, wie die berühmte Umweltikone Jane Goodall, die im Dschungel von Tansania das Verhalten wilder Schimpansen studierte, als «zu radikal» bezeichnen. «Zu radikal?», fragt Ammann, als wir ihn in Kenya erreichen. «Jane und ich führen diese Diskussion schon seit dreissig Jahren.» Er hält seinen «Name- and-Shame-Approach» für den wirkungsvollsten Weg: die Weltmacht China und ihre Komplizen als korrupte Bande zu entlarven und Konsumenten von Wildtierprodukten als Barbaren, die irgendwo zwischen Steinzeit und Mittelalter steckengeblieben sind.

Der illegale Handel aber sei nicht auf Asien beschränkt, sagt Ammann. «Auch die Europäer schauen weg.» Innert vier Jahren wurden im EU-Raum 18 lebende Tiger sowie 1804 Körperteile und Tigererzeugnisse beschlagnahmt, Medikamente, aber auch Tigerkrallen, Häute oder Zähne.

Elfenbein in Bern

An der Grenze zwischen Polen und Weissrussland werden die Lenker des Lkw, Marco A. und Alessio D., von der Polizei verhört und für wenige Tage ins Gefängnis gesteckt. Auf die Frage, ob sie wüssten, dass der Zoo in Dagestan nur ein Märchen sei, schütteln sie die Köpfe: «Wir sind doch nur die Fahrer.»

Auch der polnische Grenztierarzt wird wegen Tierquälerei angeklagt, ist aber schon wieder auf freiem Fuss. Und die italienischen Behörden wollen am Telefon keine Auskunft dazu geben, warum sie den Verkauf der Tiere nach Dagestan bewilligten. Der Staatsanwalt in Latina sagt, die Grösse der Käfige sei zwar unzulässig gewesen, sonst aber sei kein Verbrechen begangen worden. «Der Fall ist abgeschlossen.»

Eine ganze Woche dauert das Gezerre um die neun übrig gebliebenen Tiger, die das Glück hatten, von den Zöllnern gefunden zu werden – bis sie endlich von Tierschützern auf Zoos in Polen verteilt werden. Ihre Reise ging relativ glimpflich aus. Meistens aber endet die Geschichte anders.

«Das Erste, was mich umhaute, war der Gestank», sagt Pavla Rihova, die seit 25 Jahren als Inspektorin in der tschechischen Umweltbehörde arbeitet und sich dort auf Wild­tiere spezialisiert hat. «Ich habe im Laufe meines Arbeitslebens schon so einiges gesehen, aber als ich diesen Kühlschrank voller Tigerfleisch öffnete, wurde mir schlecht.»

2018 gelang es ihr, gemeinsam mit der tschechischen Polizei, ein illegales Tigerschlachthaus ausserhalb Prags aufzustöbern. Als sie in das Gebäude eindrangen, fanden sie Kochtöpfe voller Fleisch, in einem Schuppen neben dem Haus lag ein frisch getötetes Junges. Fünf Jahre lang sei sie den Verbrechern auf der Spur gewesen. Auf den Tigerhandel aufmerksam wurde sie, als der Zoll am Flughafen wiederholt Tigerknochen und Skelette fand, die nach Hanoi hätten verfrachtet werden sollen. «In Tschechien lebt Europas zweitgrösste vietnamesische Gemeinschaft», sagt Rihova. Die europäischen Tiger seien auf den Märkten Hanois noch viel mehr Geld wert als asiatische, «weil wir sie hier nicht mit Hormonen füttern. Ihr Bio-Label macht sie beliebt.»

Die europäischen Länder verschlössen ihre Augen, wenn es um Tigerhandel gehe. «Niemand will es sich mit den Chinesen verscherzen», sagt sie. Komme hinzu, dass es kostspielig sei, den illegalen Handel zu unterbinden. «Woher soll ein Zöllner wissen, was Tigerpaste ist?» Mit Farbstoff vermischt, sehe Knochenpulver aus wie Curry. «Ohne DNA-Analysen kommt man den Verbrechern nicht auf die Spur.»

Dieses Problem kennt auch Mathias Lörtscher, oberster Artenschützer der Schweiz und Präsident des internationalen Cites-Tierkomitees. Sein Alltag liegt weit weg von Tigermetzgereien, Lörtscher arbeitet beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV), in dessen Keller er jetzt vor Elfenbeinzähnen steht, die grösser sind als er selbst.

In der Schweiz gebe es kaum einen Markt für Tiger, dafür liegen alle möglichen Felle in diesem muffigen Raum, etwa sechs mal zwölf Meter gross, der sogenannten Asservatenkammer. Nur drei Leute haben den Schlüssel, ist die Tür länger offen, geht der Alarm los, weil die Regale voller beschlagnahmter Teile und Produkte von geschützten Arten sind, deren Wert in die Millionen geht.

Einmal hätten seine Leute ein Tigerbabyfell konfisziert, erzählt Lörtscher, während er an einem Schirmständer aus einem Elefantenfuss vorbeigeht, an Schildkrötenpanzern, Schimpansenschädeln. Bei einer Kralle ist er nicht sicher, ob sie von einem Löwen oder einem Tiger stammt. Aber sonst?

Lörtscher hat oft mit Häuten von Krokodilen, Waranen oder Schlangen zu tun, weil das Uhrenland Schweiz diese für Armbänder braucht. Jährlich stellen er und seine zwölf Mitarbeiter dafür bis zu 120000 Bewilligungen aus. An den Grenzen hat das BLV weitere fünfzehn Leute, die mit den Zöllnern zusammenarbeiten. Es heisst, Letztere seien chronisch überlastet und hätten schon mit der Suche nach Drogen und Fälschungen von Luxuswaren alle Hände voll zu tun. Pharmalobbyisten würden auf den Zoll Druck ausüben, damit dieser gefälschte Medikamente aus dem Verkehr ziehe. Wer lobbyiert da noch für Tiere?

«Artenschutz hat an der Front nach wie vor einen hohen Stellenwert», sagt Lörtscher. Karl Ammann, der Aktivist, sieht das anders. «Tierhandel wird nicht einmal in der Schweiz ernst genug genommen.»

2015 zum Beispiel flogen drei Chinesen von Tansania über Zürich nach Peking, mit 262 Kilo Elfenbein, das beschlagnahmt wurde. Die Kuriere hingegen durften weiterfliegen. Auch beim Buschfleisch würden die Schweizer Behörden wegschauen, behauptet Ammann – weil die Kurierinnen aus Kamerun bei Festnahmen immer so ein Höllentheater ver­anstalten und die Cites-Zuständigen erst Stunden später auftauchen würden.

«Ach was», sagt Lörtscher. «Der Druck ist zwar gestiegen, die Zöllner machen aber immer noch einen guten Job.» Klar, die Sache mit dem Elfenbein würde man heute anders angehen, gibt der Beamte zu, der quasi die Antithese zu Ammann ist. Vierzehn Jahre ist er schon bei Cites. Er führt Gespräche, die erst bilateral sind, dann trilateral, quadrilateral, bis sie schliesslich multilateral werden, spricht von Resolutionen, Fristen und rechtsstaatlichen Prozessen, «die zugegebenermassen», sagt Lörtscher, «manchmal sehr langsam sind».

Zu langsam für Aktivisten wie Ammann, der von Cites fordert, endlich ein Handelsverbot gegen China auszusprechen, um Massnahmen gegen den Tierhandel zu erzwingen. So einen diplomatischen Schlag wagt man vielleicht gegen Länder wie Guinea, aber gegen China? «Wir halten den Druck gegen China aufrecht», sagt Lörtscher. «Cites ist eine Handelskonvention und hat keine internationalen Polizeikompetenzen.»

Monate nachdem die zehn Tiger in Italien in den Lastwagen gehievt wurden, nachdem eines der Tiere an der polnischen Grenze verhungerte und die restlichen neun in Zoos in Polen unterkamen, fährt man sie nach Spanien. Sie leben abgeschieden in weitläufigen Gehegen, abgetrennt von anderen Zirkustieren. Ein Sanatorium für Ausgemusterte, ein Gnadenhof für Tiger zweiter Klasse, die niemand will.

«Es geht ihnen gut», sagt einer der spanischen Ärzte. Sie werden gefüttert statt gehäutet, müssen keinem Publikum gefallen und nicht für Selfies posieren.

Sie sind jetzt Tiger.