Die letzte Fahrt der Nautilus

NZZ am Sonntag, 23. August 2018
Fotos von Bruno Augsburger
Peter Madsen baute U-Boote – dann zerstückelte er eine Journalistin. Wie konnte das passieren?

Es gibt zwei Frauen, die Peter Madsen um den 10. August 2017 auf sein U-Boot eingeladen hat. Die eine heisst Kim Wall und kehrte nie mehr von der Nautilus zurück. Die andere sitzt in einem Café in Kopenhagen und trinkt Cappuccino. Deirdre King, 39 Jahre alt, war Mitarbeiterin, Freundin und Geliebte des Mannes, der die schwedische Journalistin zerstückelt und im Meer entsorgt haben soll.

Sie scrollt durch die Inbox ihres Smartphones, als könnte sie das alles immer noch nicht glauben. Zwei Tage bevor Madsen mit Wall in See gestochen ist, am 8. August, erhielt sie um 15 Uhr 13 eine Nachricht von ihm. King liest vor: «Sagen wir Freitag, könnte dich abholen, einkaufen und aufs U-Boot gehen? Am besten am Morgen, so haben wir den ganzen Tag.» Sie antwortet: «O.k., Deal.» Madsen schlägt nochmals vor, zuerst shoppen zu gehen. Sie antwortet: «O.k., es wird göttlich.» Er: «Ich freue mich auf einen schönen Tag mit dir, Ditte.»

An diesem Februarmorgen, ein halbes Jahr später, haben diese Nachrichten eine neue Bedeutung. Die Anklageschrift gegen Peter Madsen liegt vor. Sie ist 2,5 A4-Seiten lang und umfasst alle Merkmale eines Skandinavienkrimis: Gewalt gegen Frauen, Sexualsadismus, Leichenschändung. Nur ist dieser Fall verstörender als jede Fiktion. Es geht auch um Raketen und sogenannte Snuff-Filme, in denen Menschen vor laufenden Kameras getötet werden.

Am 8. März kommt der berühmteste Kriminalfall Dänemarks vor Gericht. Peter Langkjær Madsen ist des vorsätzlichen Mordes und der Leichenschändung anklagt. Er soll an Kim Wall sexuelle Handlungen unter besonders schwerwiegenden Umständen vorgenommen und dafür Messer, Schraubenzieher oder eine Säge an Bord gebracht haben.

Festgestellt wurden 14 Schnitt- oder Stichwunden in den äusseren Genitalien und in der Vagina. Der Tod trat durch Strangulieren oder einen Kehlenschnitt ein. Die Leiche wurde zerstückelt und mit Metall beschwert, um die Körperteile am Auftauchen im Meer zu hindern.

Es ist die Dekonstruktion der heilen Welt vor diesen Fenstern: Backsteinfassaden, Segelboote, schöne Menschen in guten Jacken. Dänemark hat niedrige Kriminalitätsraten. Im World Happiness Report belegt das Land zuverlässig die ersten Plätze. Es gilt als Synonym eines Glücks, das im Begriff hygge seine Entsprechung findet.

Die Holztische in diesem Lokal sind hygge, die Kerzen darauf, die würzigen Chai-Lattes. Hier hat sich Peter Madsen oft mit King getroffen, im Café Oven Vande, obwohl der Hipster-Stadtteil Christianshavn so gar nicht zu ihm passt: Er, der Erfinder in den Militäroveralls, der Gefallen an diesem wilden Mädchen hat, das auf Facebook mal als Artistin zu sehen ist, mal auf einem galoppierenden Pferd.

Sie nennt sich «Deedee», ist blond und zierlich. Sie sieht aus wie ein Engel, gibt die «Ditte» von früher, unbekümmert und ein bisschen vom Winde verweht. Eine «Handywoman», die an der Nautilus mitgearbeitet hat, Seite an Seite mit Peter Madsen, der weit über die Landesgrenzen als Raketenbauer bekannt war.

Momentan arbeitet sie für «Smokers Machines», eine Firma, die Joints durch Zigarettentoasten gesünder machen will. Das mag alles unkonventionell klingen, ist in Kopenhagen aber nicht aussergewöhnlich. Ein paar Strassen weiter beginnt die Freistadt Christiania, ein Abenteuerspielplatz für Neo-Hippies, Künstler und Utopisten wie U-Boot-Bauer Madsen, der ein Guru dieser Szene war.

Deirdre lernte ihn vor 14 Jahren kennen, sie war in einem kleinen Dingi auf dem Meer, er in seinem ersten U-Boot Freya. Von Anfang an seien sie Seelenverwandte gewesen. Deirdre sagt: «Ich dachte, dass wir den Rest des Lebens Freunde bleiben und vielleicht einmal heiraten.»

Das erklärt, warum sie Madsen lange in Schutz genommen hat, ihn als Mischung zwischen Nerd und Genie beschrieb, dem die Frauen zu Füssen lagen. Der dänischem «Ekstra Bladet» sagte sie nach seiner Festnahme: «Ich glaube nicht, dass er einer Frau wehtun könnte.» Als sie sich einmal die Arme gebrochen habe, sei er jeden Tag vorbeigekommen, um ihr Haar zu bürsten. Sogar die «New York Times» druckte Deirdres Unfall-Theorie: «In der Nautilus kann man sich an vielen Orten verletzen.»

Jetzt ist sie sich nicht mehr so sicher. Zu erdrückend ist die Beweislage. Angefangen bei den Lügen: Zuerst behauptet Madsen, Kim Wall noch am selben Abend am Hafen abgesetzt zu haben. Die Nautilus sei wegen eines Defekts gesunken. In der zweiten Version spricht er von einem Unfall, Wall sei der Lukendeckel auf den Kopf gefallen. Er habe die Tote in einer «suizidalen Psychose» über Bord geworfen und das U-Boot versenkt.

Als Walls durchlöcherter Torso und später auch ihr Kopf gefunden wird, ohne schwerwiegende Verletzung, ändert Madsen seine Version zum dritten Mal: Kim Wall sei an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung gestorben. Schliesslich gibt er zu, ihre Leiche zerstückelt und in der Køge-Bucht verteilt zu haben.

«Wie konnte das nur passieren?», fragt Deirdre, die Madsen geliebt hat und es immer noch tut, «auf eine seltsame Art und Weise». In den ersten Wochen hat sie die Vermutung weggetrunken, im Visier eines Plans gewesen zu sein. Inzwischen ist die Schockphase überwunden, sie wirkt gefasst und spricht in klaren Gedanken. Auch darüber, dass sie Bilder dieser Hände verfolgen, Hände, die sie berührt und eine Frau zersägt haben. «Das hat er ja zugegeben. Trägt er einen Teufel in sich, den niemand kannte, nicht einmal er selbst? Wem kann man noch vertrauen?»

«Ich möchte etwas tun, um diese Leute zu schockieren», brüllt er, «etwas Radikales, Schmerzvolles.»

Es sind Fragen, die sie stellvertretend für Dänemark stellt. Das ganze Land ringt um Erklärungen. Jeder kannte das Troll-Gesicht des 47-Jährigen. Er galt als cooler Hund, der drei U-Boote gebaut hatte, ohne studiert zu haben. Er wurde in Büchern und Filmen dokumentiert, als Raketen-Madsen, der den irren Traum verfolgte, sich in einer selbstgebauten Rakete in den Himmel zu schiessen. Er, Peter Madsen, der dänische Do-it-yourself-Astronaut, in einer Liga mit Weltraum-Supermächten wie Russland oder den USA.

Als Heldengeschichte wäre es geplant gewesen, am 26. und 27. August hätte sie in das nächste Kapitel gehen sollen. Zwei Wochen nachdem Madsen aus dem Hafen fuhr, mit dieser talentierten Journalistin, die als 30-Jährige ein Leben voller Geschichten vor sich hatte.

Offiziell war Madsens Plan, eine Rakete zu testen. Aber ausgerechnet die Copenhagen Suborbitals hatten eine Bewilligung für dasselbe Wochenende. «Wer launcht zuerst?», lautete also die Frage, um die sich die Amateure stritten. «Wer fliegt weiter?» Rocket Madsen Space Lab gegen Copenhagen Suborbitals, Alpha gegen Nexø II.

Es war mehr als ein Rennen: Ein Showdown zwischen Egos, die einst für denselben Traum gearbeitet hatten. «Ein Krieg», sagt Deirdre, «und vermutlich Teil des Grundes, warum Peter austickte.» Ausser Sex habe er kein Ventil gehabt, nie geraucht oder Alkohol getrunken. «Peter hasst nichts so sehr, wie die Kontrolle zu verlieren.»

Man muss «Amateurs in Space» gesehen haben, um diese Aussagen einzuordnen. Der Film dokumentiert das Drama im Raketen-Klub, den Peter Madsen 2008 mit dem ehemaligen Nasa-Mann Kristian von Bengtson gegründet und 2014 verlassen hat. Sechs Jahre, in denen Madsen sich von einem sympathischen Enthusiasten in einen Soziopathen verwandelt, der wie besessen an einer Vision arbeitet und nicht bemerkt, wie er sie zugrunde richtet.

Am Anfang befremdet nur, wenn er auf Englisch referiert wie John F. Kennedy über die Mondmission. Dann sind da diese Wutanfälle. Einmal rastet er aus, weil die freiwilligen Helfer die Werkzeuge nicht am richtigen Ort versorgen. «Ich möchte etwas tun, um diese Leute zu schockieren», brüllt er, «etwas Radikales, Schmerzvolles.»

Als Teenie experimentierte er mit Salpetersäure, während andere die ersten Küsse austauschten.

Absurd sind auch die Anschuldigungen gegen Mitgründer von Bengtson. Madsen wirft dem Familienvater vor, an Wochenenden zu wenig Zeit zu investieren. Das Ganze explodiert in Rundmails, in denen Madsen die «Herrschaft» von Bengtsons kritisiert. «Er ist mein Boss geworden und geniesst das», schreibt er, worauf ihn die Kollegen als «paranoid» oder «böse» bezeichnen. Madsen muss sich unterordnen oder die Suborbitals verlassen. Er entscheidet sich für Letzteres.

Zugetragen hat sich das alles auf Refshaleøen. Die Halbinsel liegt im Hafengebiet Kopenhagens und war eine Industriezone, bis Künstler die verwaisten Hallen in Ateliers und Werkstätten umfunktionierten. Das Areal der ehemaligen Schiffswerft ist an diesem Morgen leer, als hätte der beissende Wind alles weggefegt. Verlassen wirkt auch die Halle, die wie ein der Länge nach halbiertes Fass aussieht. Alles ziemlich rostig und abgefuckt.

Hier war das Rocket Madsen Space Lab, Refshalevej 185. Und schräg gegenüber, keine hundert Meter entfernt, leuchtet ein etwa dreimal so grosser Komplex in frischem Grün, hinter Gittern mit Stacheldraht. Hier tüfteln die Copenhagen Suborbitals, Refshalevej 183 A.

Deirdre erzählt, wie diese Dauerkonfrontation Madsen gestresst habe. Die «Scheidung» sei auch um Hab und Gut gegangen. Madsen habe viele Werkzeuge und Geld verloren. «Deedee», habe er geklagt, «ich habe sie Teil werden lassen von etwas, von dem sie nie Teil gewesen wären. Wenn die Leute da Vincis Werke schön finden, fragen sie ja auch nicht, wer die Farbe gemischt hat.»

Natürlich möchte man diese Argumente zu den Copenhagen Suborbitals tragen: «Wir geben gerne Auskunft über unsere Mission», antwortet Mads Wilson, «falls das Interview jedoch in irgendeiner Weise mit Peter Madsen in Verbindung steht, sind wir nicht interessiert.»

Es ist nicht das erste Mal, dass Madsen aus einer Gemeinschaft katapultiert wird. «Raket-Madsen», die Biografie von Thomas Djursing, liest sich wie die Geschichte eines Getriebenen, dem es immer weniger gelingt, sich in die Gesellschaft einzufügen, und der an allen Fronten Grenzen auslotet, Grenzen der Vernunft, der Legalität, der Technik – und der Sexualität.

Müsste man Madsens Kindheit mit einem Wort umschreiben, wäre es Kontrollverlust. Sohn einer Serviertochter und eines Wirts, vier Halbbrüder, überforderte Mutter, 36 Jahre älterer Vater, durchdrungen von Eifersucht, grob und verbittert. Als Sechsjähriger muss Madsen wählen, ob er bei der Mutter oder dem Vater aufwachsen will. Er bleibt beim Vater, der zu sagen pflegte: «In Amerika kann man eine untreue Ehefrau erschiessen. Es wäre nett, da zu leben.»

Madsen träumt schon als Bub davon, in die Stille abzutauchen wie Jacques Cousteau. Oder sich mit einer selbstgebauten Rakete aus dem Alltag zu schiessen. In der Schule ist er ein Aussenseiter. Viermal wird umgezogen, Halbbrüder, Wohnungen oder Kollegen zerrinnen zwischen Madsens Fingern wie das Wasser des Öresund. Die einzigen Konstanten sind seine Träume. Und der Vater, der in eine Alterssiedlung zieht, als Madsen 17 ist, und ein Jahr später verstirbt.

Als Teenie experimentiert der schlaksige Nerd mit Salpetersäure, während andere die ersten Küsse austauschen. Regeln haben ihn nie interessiert. In seinem ersten Verein, dem Danish Amateur Rocket Club (DARK), wird er fast ohnmächtig, als er einen Ammoniak-Ballon zum Platzen bringt und die giftigen Dämpfe einatmet. Als auch noch eine Rakete explodiert, fliegt Madsen aus dem Klub. Die Wut über den Rausschmiss bezeichnet er später als stärkste Triebkraft seines Lebens. «Es war ein zentraler Moment, das Plutonium, das ich für meinen Reaktor brauche.»

Vor Madsens Werkstatt reckt jetzt ein Mann seinen Kopf in alle Richtungen, als würde er etwas Verbotenes tun. Faserpelz, weisser Bart, nur die Mütze fehlt, damit er als Kapitän durchginge. Es ist Claes Levin, ein pensionierter Marine-Ingenieur, der beim geplanten Test von Madsen Space Lab das Beiboot für die Live-Übertragung hätte steuern sollen. Es hätte das letzte Abenteuer eines Seebären werden können. Letztes Jahr hat er Madsen ein Navigationssystem gesponsert. So ist er Teil der Alpha-Mission geworden. «Aber es war total chaotisch», erzählt Levin, das Beiboot sei nicht seetauglich gewesen und alles miserabel organisiert.

Trotzdem hätte sich Levin darauf eingelassen. Er ist einer von vielen, die von der Aura des Erfinders fasziniert waren. 2008, bei der Taufe der Nautilus, wird Madsen gefeiert wie ein Rockstar. Das U-Boot ist eine Referenz an Jules Verne, dessen Captain Nemo in der totalen Freiheit die Tiefen des Ozeans erkundet. Madsen sieht seine Schöpfung auch als «Unterwasser-Verlängerung» des eigenen Körpers. Im Dokumentarfilm «My Private Submarine» sagt er: «Nachts träume ich, frei unter Wasser zu schwimmen.»

Es wäre der Höhepunkt einer narzisstischen Phantasie, sich über alle anderen zu erheben. Eine Tat, grausam genug, um alles in den Schatten zu stellen.

Es ist die Zeit, in der sich der Spätzünder in einen Stammgast an den Sex-Partys von Kinky Salon verwandelt. Er lebt in einer polyamourösen Ehe und hat so viele Liebhaberinnen, dass Deirdre King ihn als «Frauen-Junkie» bezeichnet. Sie findet sich damit ab, weil sie selbst ein Freigeist ist und in Madsen einen Mann erkennt, der sich nie auf eine Einzige einlassen kann. Stattdessen taucht er in die Fetischwelt ab, wo er Gefallen an Sadomaso findet, dem Spiel von Macht und Unterwerfung.

So sind auch Leute aus der Kinky-Szene an der U-Boot-Taufe, Kamerateams, Künstler. Die Nautilus wird zu Klängen eines Orchesters ins Wasser gelassen, es ist ein Spektakel, der Pier voll von Leuten. Und mittendrin: Madsen. «Sie schwimmt», brüllt er, fast heiser vor Glück.

Die Kamera schwenkt zu seinem zweiten U-Boot Kraka. Madsens Augen werden feucht. Er stammelt: «Letzten Samstag war sie die Königin, jetzt ist sie nur noch die kleine Schwester. Ich kann nicht aufhören, daran zu denken, wie es für ein U-Boot ist, plötzlich die Zweite in der Kommandofolge zu sein.»

Claes Levin hat das am Fernsehen ebenso mitverfolgt wie die Abwärtsspirale der Copenhagen Suborbitals. Heute ist er zur Werkstatt gefahren, weil ihm das Navi keine Ruhe gelassen hat. Es müsste wenigstens fachgerecht entsorgt werden. Aber alles ist weg, hier wurden Filme gefunden, in denen Frauen gequält und verbrannt werden.

Dienstag, 8. August, 14 Uhr 30: Levin ruft Madsen an. Das Beiboot sei fit für den Raketentest am Freitag. Ob er vor der Abfahrt noch das Navi im U-Boot einbauen solle? «Nein», habe Madsen gesagt, «ich blase die Mission ab.» Eine Bestellung sei geplatzt, er habe
30 000 verloren, Euro!

Dienstag, 8. August, 15 Uhr 13: Madsen lädt Deirdre für genau den Tag auf die Nautilus ein, an dem die Crew ins Raketentestgebiet aufbrechen wollte.

Mittwoch, 9. August, 22 Uhr 27: Madsen postet den letzten Blog-Eintrag, eine detailverworrene Absage des Tests. «Heute gibt es zwei Projekte auf Refshaleøen, die meinen wilden Traum Realität werden lassen.» Das Testgebiet sei jedoch zu voll. Er habe versucht, mit den Suborbitals in Kontakt zu treten, man kommuniziere aber nur über Blogs. Aber er wolle niemanden blockieren.

Aufgeben? Peter Madsen? Vermutlich hat er diese Mission innerlich schon länger abgesagt. Fragt sich: Wann? Und warum? Es kursieren Theorien. Eine lautet: Madsen träumte davon, ein perfektes Verbrechen zu begehen. Zumindest hat er das einem Freund gesagt.

Der Marineoffizier Steen Lorck erklärt im dänischen Fernsehen, Madsen habe sich ausgemalt, von der Polizei gejagt zu werden. Es wäre der Höhepunkt einer narzisstischen Phantasie, sich über alle anderen zu erheben. Eine Tat, grausam genug, um alles in den Schatten zu stellen, das Scheitern von Rocket Madsen Space Lab, die Copenhagen Suborbitals, an dessen Ende nur einer Herr der Lage ist: Peter Madsen.

Die zweite Theorie: Raketen sind teuer. Die Nautilus stand seit Jahren an Land, abgewrackt von all den Ausfahrten und Polterabenden, die für Madsen eine Einnahmequelle waren. Finanziell war er immer am Limit, schlug sich mithilfe von Sponsoren durch und hauste in einem alten Boot. Im letzten Blog schreibt er auch von Geld, von dem er gerne mehr gehabt hätte. Und Claes Levin sagt er, dass ihm 30 000 Euro fehlten.

Am nächsten Morgen, am Tag von Kim Walls Verschwinden, schreibt Madsen um 8 Uhr 39 an Deirdre: «Wir werden morgen eine Kreuzfahrt machen, Jubii!» Sie antwortet: «Jaaa.» Er schickt Bilder von drei Paar hochhackigen Schuhen. «Die Stiefel finde ich grossartig», schreibt er mit drei roten Herzen. «Aber du kannst auch in Turnschuhen kommen.» Sie: «Danke, du bist reizend.» Er: «Ha, du doch auch! Es braucht Glück, um jemanden wie dich zu treffen, Ditte. Und damit meine ich das ganze Paket.»

Es ist dieser Satz, den Deirdre im Nachhinein am meisten beschäftigt. Damals mass sie ihm keine Bedeutung bei. Madsen sei auf Absätze gestanden, Stilettos, Strümpfe, aber welcher Mann tue das nicht? Und es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass sie auf dem Meeresgrund Sex gehabt hätten, den sie übrigens als völlig normal bezeichnet. Angemacht habe ihn, zu hören, was andere Männer mit ihr anstellten. Und Rollenspiele, Masken, Uniformen, mehr nicht.

Deirdre schreibt Madsen erst am Abend des 10. August zurück, ungefähr drei Stunden, nachdem er mit Kim Wall losgefahren ist. Laut dem Magazin «Wired» lädt er die Journalistin am späteren Nachmittag per SMS in seine Werkstatt ein. Sie wohnt in der Nähe, bereitet mit ihrem Freund ein Abschiedsbarbecue vor. Sie wollen nach Peking auswandern. Als Wall die ersehnte Interview-Zusage erhält, kann sie dem Sog der Geschichte nicht widerstehen. An diesem Abend wurde sie zum letzten Mal lebend gesehen.

Nach dem ersten Treffen mit Deirdre wurde ein zweites vereinbart. Es hätte an dem Tag stattfinden sollen, an dem die dänischen Zeitungen voll sind mit einem neuen Detail: «Mordplan per SMS enthüllt» titelt etwa das Boulevard-Blatt «BT». Anonym zitiert wird eine Frau aus der alternativen Szene. Sie habe Madsen in einer Textnachricht gebeten, sie mit einer Drohung zu stimulieren. Darauf habe er die Phantasie enthüllt, eine Frau im U-Boot zu zerstückeln.

Ist diese Frau Deirdre? Sie antwortet einen Tag lang nicht mehr, sagt Gespräche zu und wieder ab. Klarheit schaffen kann jetzt nur Thomas Djursing, Madsens Biograf, der zuvor mehrere Anfragen für diesen Artikel abgelehnt hat. Vor Weihnachten wollte er eine Buchserie zum Fall veröffentlichen und löste einen Shitstorm aus. Kritiker warfen ihm mangelnden Respekt vor der Familie des Opfers vor. Darum wollte er vor dem Prozess keine Interviews mehr geben.

Jetzt antwortet er trotzdem. Deirdre sei Madsen «sehr nahegestanden, bis zum Schluss». Natürlich zermartert er sich das Hirn, sucht wie ein Besessener nach den fehlenden Teilen dieses grauenvollen Puzzles. Er weiss von einer weiteren Frau, die Madsen auf das U-Boot locken wollte. Und von einer neuen Theorie: Hat Madsen einen Snuff-Film gedreht? Kim Wall vor laufenden Kameras getötet? Waren Boote in der Nähe, die das Material hätten in Empfang nehmen können? «Ja, zwei», sagt Djursing und liefert das Stichwort Barcelona.

Sozusagen zeitgleich schreibt Deirdre und entschuldigt sich, Abstand gebraucht zu haben. Inzwischen ist sie überzeugt, das perfekte Opfer gewesen zu sein. Sie war damals Single, hatte keinen festen Job und klinkte sich öfters paar Tage aus. «Mich hätte man erst nach Wochen vermisst.»

Es ist der Zeitpunkt, an dem diese Recherche noch kaputter anmutet, noch unglaublicher: Ja, Madsen sei in Barcelona gewesen und am 14. Juli von dort zurückgekehrt, rund einen Monat vor der Tat. Deirdre weiss das genau, weil sie ihn nach seiner Rückkehr im Hotel Bella Sky getroffen hat. Und er habe von Barcelona mehrmals aufgeregt angerufen, von Geschäftsmännern erzählt, die ihm ein Business-Ticket bezahlt und für 2,5 Millionen Euro ein U-Boot in Auftrag gegeben hätten. Ein Sex-U-Boot. Natürlich könnte es genauso gut etwas anderes gewesen sein. Über den Launch der Rakete habe er kein Wort verloren.

Am 26. März wird Deirdre Elisabeth King um 14 Uhr 45 vor Gericht gegen Peter Madsen aussagen. Die Vorladung liegt der «NZZ am Sonntag» vor. Ebenso ein Brief, den er ihr aus dem Gefängnis geschrieben hat. Keine halbe A4-Seite. Darin steht, dass er nicht genug Besuch bekomme und noch freie Zeiten habe. «Es gibt keine Worte dafür, wie sehr ich mich über deinen Besuch freuen würde», schreibt Madsen, als ob nichts passiert wäre. Deirdre hat den Glauben verloren, dass er unschuldig ist. Sie sagt: «Kim hat ihr Leben verloren, Peter seines, und wir alle den Traum, Teil von etwas Grösserem zu sein.» Mitarbeit: Kristian Ruhe Thorsen, Niels Anner, Christina Heyne