Die natürliche Ordnung

NZZ am Sonntag Magazin, 1. Dezember 2019
Fotos von Amanda Lucier
Der amerikanische Westen galt lange als die Heimat der Männlichkeit schlechthin. Doch statt der Männer bestimmen in der weiten Prärie zunehmend die Frauen. Genau so wie früher, als das Land noch den Indianern gehörte.

«Go with the horse», sagen die Lakota. Geh mit dem Pferd. Das bedeutet so viel wie: Pack das Leben mit all seinen Widrigkeiten, und mach das Beste daraus. Dieses Sprichwort ist Hunderte von Jahre alt. Und für manche gilt es immer noch, auch wenn jetzt die Sirenen heulen.

Es ist kurz vor Mitternacht, als die Stimmung auf den Höhepunkt zugeht in diesem Saloon, in dem fast alle Cowboyhüte tragen, auch der Countrysänger, der in der Ecke Tom Pettys «I Won’t Back Down» singt. «I will stand my ground.»

Eben sind zwei Frauen aufeinander losgegangen. Die eine mit aufgerissenen Crystal-Meth-Pupillen und auch die andere zu verladen, um ihre Pferde halten zu können. «Ein Kampf!», rufen andere und kippen Dosenbier, «ein Kampf, Leute!»

Die Blaulichter blinken wie in Downtown L.A. in diesem Nest namens Eagle Butte, South Dakota, inmitten des amerikanischen Westens. Das ist die Heimat von Kelsey Ducheneaux, 26, kurz Kels, die mit ihrem Vater tanzt, als die Cops ausschwärmen, später mit dem Onkel und noch später mit dem Cousin. «Hey, Baby, oh, there ain’t no easy way out.» So ist das hier in der Cheyenne River Reservation, einem der ärmsten Flecken der USA. «I will stand my ground, and I won’t back down.»

Vor ein paar Stunden war Kelsey noch im Spital. Jetzt feiert sie mit gebrochenem Finger, als wäre heute der beste aller Tage. Go with the horse.

Nicht klein beigeben, das tut Kelsey, «for my people», wie sie oft sagt. Mandelaugen, blasse Haut – bis auf das lange schwarze Haar ist ihr nicht anzusehen, dass sie auch Tateya Ah’Wala Win heisst, Frische Brise. Sie ist eine Lakota-Sioux. Wie viele in dieser Bar, die den Namen Kelsey Ducheneaux mit Ehrfurcht in der Stimme aussprechen. Wer, wenn nicht sie, kann die Dinge hier besser machen, diese 26-Jährige, in die Bill Gates rund eine Viertelmillion Dollar investiert hat?

Eine Viertelmillion für ihre Ausbildung. Eine Viertelmillion aber auch dafür, dass sie die Zukunft zurückbringen will in dieses Reservat, in dem jeder Zweite arbeitslos ist und die USA ein Entwicklungsland. Es gibt hier weder genug Wasser noch gesundes Essen. Crystal Meth ist eine Epidemie und die Sucht nach billigem Alkohol so verbreitet, dass Minderjährige keine Mundspülungen kaufen dürfen. Den Lakota wurde erst ihr Land genommen, dann ihre Kultur und schliesslich ihre Identität. Viele haben vergessen, wer sie waren und was sie einmal sein könnten. Sie betäuben sich oder bringen sich um, bevor das Leben überhaupt begonnen hat. Und diejenigen, die eines gefunden haben, kommen nie mehr zurück.

Ausser Kelsey. Sie hat an der Universität von Colorado studiert, war im Leadership-Camp von Bill Gates in Los Angeles und hat Studienreisen bis nach China gemacht. Sie könnte ein bequemes Leben führen jenseits der Grenzen dieses Reservats, das ihre Vorfahren als Gefängnis gesehen haben. Stattdessen ist sie zurückgekommen, um den Lakota zu zeigen, wie sie Salat oder Kartoffeln anpflanzen können in dieser Nahrungswüste, in der es nur Dosengemüse gibt oder Hamburger aus ­Abfallfleisch. Kelsey will für sie erstklassiges Weiderind produzieren und im ganzen Land die indigene Landwirtschaft vorantreiben.

Und das ist auch nur eine Hälfte dieser Emanzipationsgeschichte einer jungen Frau, die mit 26 mehr geschafft hat als andere in einem ganzen Leben. Mehr auch als viele Männer, die im Wilden Westen lange den Ton angaben. Hollywood machte sie zu echten Kerlen, die nur in der Einsamkeit der ewigen Prärie ihr Glück fanden. Aber es sind keine John Waynes mehr, die das Cowboyleben revolutionieren. John Wayne ist heute eine Frau. In den USA gibt es rund zwei Millionen Ranch-Betriebe, jeder siebte wird von einer Rancherin geführt. Und eine davon ist Kelsey Ducheneaux.

«Hab eben meinen Vater aus dem Schlamm gezogen, sein 4×4 hat aufgegeben», textet sie mir vier Tage vor der Schlägerei im «Legion». Es ist ein verschneiter Montagnachmittag in Rapid City, mit rund 74000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt South Dakotas. Im Westen Wyoming, im Süden Nebraska – hier hat 1890 eine menschliche Tragödie ihr Ende gefunden: Kavalleristen metzelten 300 Lakota nieder, auch Frauen und Kinder – das Massaker von ­Wounded Knee beendete den indigenen Widerstand in den Dakotas. Und bald verstummte er im ganzen Land.

Eigentlich sollte ich am nächsten Morgen zur 350 Kilometer weit entfernten DX Ranch fahren. Aber der Winter ist zurück und mit ihm das Chaos auf den Strassen. Dabei ist es calving season, wie es hier heisst, wenn die Kühe ihre Kälber zur Welt bringen. «Mutter Erde lehrt uns Geduld», schreibt Kelsey mit einer Gelassenheit, von der noch die Rede sein wird.

Mit zwei Tagen Verspätung fahre ich los, Highway 212, immer dem Grasland entgegen, vorbei an den Black Hills, schwarzgrünen Fichten und Kiefern auf Granit und Kalkstein. «Paha Sapa» nennen die Lakota diese Bergkette, «Herz von allem, das ist». Hier ist der Ursprung ihrer Kultur, hier haben sie Zeremonien gefeiert und Tote begraben. Inzwischen ist das Mount-Rushmore-Memorial Wahrzeichen der Black Hills: vier hochhausgrosse in den Berg gehauene Köpfe von US-Präsidenten, die weit über die Graslandschaften strahlen. Die Great Plains erstrecken sich im Norden bis nach Kanada, im Süden bis nach Mexiko. Sie erinnern an Wellen auf einem Meer aus Gras. Weiden, Rinder, Weiden, Rinder, bis auf ein paar Tankstellen, Fast Food, billige Motels in Ortschaften, die Faith heissen oder Newell. Im «TJ’s Café and Waterin’ Hole» gibt es dünnen Filterkaffee wie überall in der amerikanischen Pampa und eine Serviererin, die sagt: «Ins Reservat willst du, Honey? Geh da bloss nicht allein auf die Strasse!»

Auch die Lokalblätter sind voll von ­Schreckens- nachrichten aus dem viertgrössten Indianerreservat der USA, dessen Fläche fast ein Drittel der Schweiz umfasst: Mann ersticht Bräutigam nach Hochzeit. Oder: Mann würgt, schlägt und bespuckt Freundin 36 Stunden lang. Armut, Drogen, Elend. Es sind dieselben Probleme wie in den meisten Reservaten, wo die Selbstmordrate von Jugendlichen und jungen Erwachsenen bis zu viermal höher ist als im Rest der USA.

Wer wissen will, wie Kelsey diese Probleme angeht, muss ihr beim Reiten zusehen. Sie geht mit Pferden gleich um, wie sie die DX Ranch führt, zu der 3000 Hektaren Land gehören, 280 Mutterkühe und 60 Pferde. Eines davon ist Peanut, das einzige Pferd, das Kelsey je abgeworfen hat. Sie trainiert es in der Halle, ­während der Dauerregen draussen den Lehmboden in eine zähe Schlammmasse verwandelt, die alle nur «Gumbo» nennen. Weil sie wie Kaugummi an den Boots klebt und Pferde sich darin die Beine brechen.

Kelsey reitet mal links herum, mal rechts, in ruhigem, aber konsequentem Schritt. «Er muss lernen, dass ich kein Puma bin», sagt sie und klingt wie 45. Kelsey klingt immer so, wenn sie von ihrem Job erzählt, der für sie mehr Lebensstil ist. Pferde sieht sie als Partner, mit denen sie Rinder aus dem Schlamm zieht oder Herden treibt. Das haben schon ihr Urgrossvater gemacht, ihr Grossvater und schliesslich ihr Vater, der jetzt Jährlinge mit dem Lasso einfängt. Normale Reitpferde würden durchdrehen bei diesem Betrieb. Aber das hier sind keine normalen Reitpferde und die Ducheneaux auch keine normalen Rancher.

Traditionell wird das Zureiten auch breaking a horse genannt. Pferde brechen kann bedeuten, ihnen in Momenten wie diesem die Füsse zu fesseln, um sie besser unter Kontrolle zu bringen. «Das triggert ihren Fluchtinstinkt nur noch mehr», sagt Kelsey, die ohne Druck reitet, ohne Zwang, immer locker, aber trotzdem im Bewusstsein, dass der Fünfjährige jeden Moment wieder durchdrehen könnte. «Das Pferd liegt nie falsch», sagt sie so selbstverständlich, wie die Rinder morgens vor ihrem Haus muhen oder abends als Burger auf den Tisch kommen. Und vor allem: «Geh mit dem Pferd und nicht dagegen.»

Was nach Esoterik im Selbstfindungszeitalter klingt, ist pragmatisch gemeint: «Ich habe vier Jahre gebraucht, um mich auf Peanut wieder so wohl zu fühlen», sagt Kelsey eine Trainingsstunde später und streicht ihm lobend über die Mähne. Vier Jahre, um einzusehen, dass sie sich damals viel zu schnell auf seinen Rücken schwang. Vier Jahre, um darüber hinweg­zukommen, dass sie nicht nur vom Pferd stürzte, sondern sich auch noch den Arm brach. Aus- gerechnet sie, in der immer noch ein bisschen von dem Indianermädchen steckt, für das vom Pferd fallen fast so schlimm ist wie für Lucky Luke ein Pfeil im Rücken. Und trotzdem: Fünf Sekunden später liegt sie wieder im Sägemehl.

Aufstehen, Zähne zusammenbeissen, den Schmerz im Finger wegdenken, Peanut ein­fangen, beruhigen, tätscheln, aufsteigen, weitermachen. Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten, mit der Tatsache umzugehen, dass dieses Jungpferd doch noch einen Panik-Moment hatte und Kelsey zum zweiten Mal herunterbockte: entweder an den negativen Sekunden festhalten und ihn dafür auspeitschen – oder wie Kelsey darauf bauen, dass dieses Pferd bis dahin nie einen besseren Tag hatte. Go with the horse.

Es gibt inzwischen viele Frauen, die den Wildwest-Mythos leben. Sie werfen Lassos oder fahren John-Deere-Traktoren. Sie sind ange­zogen wie Cowboys mit ihren Hüten, den Jeans und den Boots. Auch Kelsey ist Teil dieser wachsenden Bewegung. Aber sie ist auch eine Lakota. Und das macht vieles schwerer, einiges aber auch leichter.

Die Lakota waren matriarchal. Frauen galten als Quelle allen Lebens und waren hoch angesehen. Sie hatten die Hoheit über die Tipis, die sie nicht nur herstellten, sondern auch besassen. Sie bestimmten mit, wenn es um das Aushandeln von Verträgen oder Strategien ging, Seite an Seite mit den Männern. Bis die Weissen kamen und mit ihnen die Rollenvorstellungen von Oben und Unten, Weiss und Rot, Mann und Frau. So bedeutete die Eroberung des Westens auch das Ende der Gleichberechtigung in der Prärie. Und den Anfang eines neuen Typus Mann, von dem Westler seit Generationen hingerissen sind: des Cowboys. Ein Mann, ein Pferd und ein Leben voller Abenteuer, in dem Frauen kaum vorgesehen sind.

«Bullshit», sagt Zach, Kelseys Vater, als die Ducheneaux wie jeden Abend im Wohnteil der Reithalle zusammensitzen, in der «Barn» . Zach hat sie vor ein paar Jahren ausgebaut, zusammen mit seiner Freundin Jen, einer Rodeo­reiterin aus Texas. Rote Wände, Kochinsel und ein XXL-Kühlschrank, der Eiswürfel ausspuckt – auf den ersten Blick ist es wie überall in den USA, wo einem schnell eine Dose Budweiser in die Hand gedrückt wird.

Eine Gitarre macht die Runde: von Jen zu Melissa, die als Cowgirl auf der Ranch arbeitet, von Melissa zu Steve, einem befreundeten Countrysänger aus Nashville, von Steve zu Kelseys Onkel Bud und immer so weiter. Sie trinken, sie reden und singen die neuen Lieder, weil sie die alten nicht mehr kennen. Ein Lagerfeuer gibt es nicht, dafür einen Holztisch, an dem Lakota oder Frauen sitzen.

Zach lehnt sich in seinem Lederstuhl zurück und sagt: «Mein Dad war ein Marine, Leiter der Cheyenne River Sioux und Präsident des National Congress of American Indians, aber rate mal, wer der Fels der Familie war? Mum.» Sie sei der Kopf hinter der politischen Arbeit ihres Mannes gewesen. Sie habe all seine Briefe geschrieben, erzählt er mit demselben Stolz, mit dem er über seine Tochter spricht. «Granny» gehörte zwar noch zu den Generationen, die in Umschulungsinternate gesteckt wurden, um die Lakota-Sprache aus ihr herauszuprügeln und alles Lakota-Wissen. Trotzdem hat sie so viel wie möglich bewahrt und das matriarchale ­Denken in die Familie zurückgebracht.

Kelsey wurde folglich moderner erzogen und gleichzeitig traditioneller, indem nie ein Unterschied zwischen ihr und ihrem Bruder gemacht wurde, der zusammen mit der jüngsten Schwester bei der Mutter lebt. Zach setzte alle drei Kinder schon aufs Pferd, bevor sie laufen konnten. Und allen sagte er: «Weinen macht nichts besser.» «Genau!», ruft Kelsey und prustet los. «Das sagte er sogar, als ich mir wegen Peanut den Arm ge- brochen hatte! Jeder Vater würde das einem Pferd übel nehmen, meiner ist nicht mal abgestiegen.»

Heute arbeiten auf der DX Ranch ebenso viele Frauen wie Männer. Und sie sind auch finanziell unabhängig, weil sie neben der Rancharbeit noch Zusatzjobs haben. Jen zum Beispiel verdient auch als Fotografin und Influencerin mit dem Blog «The Art of the Cowgirl». Melissa verkauft selbstgewobene Sattelgurten. Und Kelsey arbeitet beim Inter­tribal Agriculture Council. Die nationale Organisation fördert die indigene Landwirtschaft im ganzen Land. Heute verdient sie als Ressourcenmanagerin mit 55000 Dollar Jahreseinkommen fast doppelt so viel wie der Durchschnitt im Reservat. «Das ist nicht revolutionär», sagt Kelsey und nimmt einen Schluck Bier, «es ist die Wiederherstellung der natürlichen Ordnung.»

Generell gilt es zwar immer noch als tragisch, wenn Rancher keine männlichen Nachfolger finden. Gleichzeitig gibt es immer mehr Cowgirl-Camps, Schnupperlehren für Farmerinnen oder Rancherinnen. Und reine Frauenbetriebe, die gibt es auch schon. Auf der Taussig-Ranch in Colorado zum Beispiel werden Männer nur für physisch besonders harte Arbeiten angeheuert. «Frauen gehen einfach anders miteinander um», sagte die Besitzerin der «New York Times», und das sagt auch Kelsey. «Frauen in der Landwirtschaft, das bedeutet weniger Ego, mehr Nachhaltigkeit und soziales Denken.» Das bedeutet aber auch, sich durchzusetzen in einer Branche, in der ihr Name auf dem Viehmarkt konsequent nicht im Programm erscheint und da nur Zach Duche­neaux steht. Trotzdem ist es natürlich auch auf der DX Ranch nicht wie anno dazumal. Die Ducheneaux leben zwischen den Zeiten und den Kulturen. Auch hier nerven sich die Frauen über sogenanntes hepeating – Aussagen, die nur gehört werden, wenn ein Mann sie wiederholt.

Jen sagt: «Dabei tut es allen gut, nicht immer wie ein fucking Mann zu denken.»

Melissa sagt: «Männer wollen die Natur beherrschen, Frauen mit ihr zusammenarbeiten. Bestes Beispiel: Präriehunde!»

Kelsey sagt: «Genau! Weil Männer so gerne Kojoten schiessen, haben die Präriehunde keine Feinde und fressen unser Gras kaputt.»

Der Unterschied ist, dass in dieser Runde alle darüber lachen, Frauen und Männer.

Die nächsten Tage beginnen bei Filterkaffee in Kelseys Küche und enden mit Liedern in der Barn . Das Wetter wird besser, der Boden trockener und der Himmel riesiger. Es ist noch früh und das Gras feucht, als Kelsey ihren Pick-up den Hügeln entgegensteuert, einhändig. Seit dem Sturz ist ihr linker Zeigefinger dreimal dicker als der rechte, vielleicht sogar gebrochen. Aber Eagle Butte ist rund eine Autostunde entfernt. Normalerweise. Jetzt rumpeln wir durch den Gumbo-Schlamm, vorbei an dem Haus, in dem Onkel Bud mit seiner Familie lebt, oder an dem von Onkel Goth und seiner Frau. Die Ducheneaux verteilen sich auf fünf ­verschiedene Ranchhäuser. Und die Familienmitglieder, die nicht hier leben, zelebrieren ­mindestens jeden zweiten Abend in der Barn eine lose Variante des Lebens im Stamm.

In der Ferne verteilen sich die Angus-Rinder wie Punkte in der Landschaft, schwarz auf grün. Früher war die Herde bunter, weiss, braun, gefleckt. Auch Longhorns waren darunter oder Simmentaler, Brahmans oder Red Angus. Aber Kelsey hat die Herde homogener gemacht und jene selektioniert, die leichter kalben, im Charakter sanfter sind und insgesamt weniger menschliche Arbeit erfordern. Konstant fragt sie sich, wie sie die Ressourcen besser nutzen und die Natur möglichst sich selbst überlassen kann. Sie sagt Sätze wie: «Mutter Erde hat es schliesslich erfunden.» Das klingt zwar nach Lakota-Kitsch, ist es aber nur bedingt: Sie hat einen Master in nachhaltigem Ressourcenmanagement. Man kann von Mit-der-Natur-Gehen sprechen oder von ökologischer Landwirtschaft – letzten Endes ist es dasselbe.

Was Kelsey antreibt, wird klarer, als sie aus dem Pick-up steigt und den Blick schweifen lässt. 360 Grad Prärie. Sie streicht ebenso zärtlich über die Wiese wie über Pferdemähnen, riecht an den Gräsern und prüft, wie stark die Böden schon abgefressen sind. Schweigend, in sich versunken – wenn die Lakota noch mit etwas verbunden sind, dann vielleicht mit diesem Land, auf dem sie einst den Büffelherden folgten. Kelsey will hier ein Bild des Friedens sehen und sich nicht an das Gestern klammern wie so viele Indigene, die im Herzen verbittert sind. «Niemand von uns hat das historische Trauma erlebt. Wir müssen endlich loslassen», sagt sie und schaut nach Osten, wo sich der Missouri River zwischen den Hügeln durchschlängelt. Auf diesem Fluss kamen lange vor dem Massaker von Wounded Knee franzö­sische Trapper aus Kanada herabgefahren. Einer hiess Ducheneaux und schloss sich den Indianern an. Auf diesen Namen ist Kelsey heute genauso stolz wie auf ihre Lakota-Wurzeln.

Es hat auch mit dieser Haltung zu tun, dass über ihrem Sofa die Medaillen des Gates ­Millen- nium Scholars Program hängen, eingerahmt, neben Bildern von Pferden und Rindern. Eine Milliarde Dollar hat Bill Gates in die All-inclusive-­Stipendien für herausragende Schüler ethnischer Minderheiten investiert, «um eine neue Generation von Leadern und ein stärkeres Amerika zu schaffen». Sie sollen Wissen und Inspiration in ihre Gemeinschaften zurückbringen. In die 150 Indianerstämme zum Beispiel, für die Kelsey als Koordinatorin des Intertribal Agriculture Council im ganzen Land Workshops für 650 Jugendliche organisiert hat. Heute lernt die Lakota-Jugend auch hier auf der Ranch Go with the horse, beim Reiten oder beim Gärtnern. Am Wochenende würde Erste Hilfe auf dem Programm stehen. Aber diesen Kurs sagt Kelsey ab, als wir wieder in der Küche sitzen und sie ihren Finger mit einem Eisbeutel kühlt. Der Bus wird es nie durch den Gumbo schaffen, sagen auch die Ranchhelfer Melissa und Burt, die von ihrem Kontrollritt berichten. Die Kälber sind okay, Zach und Jen sind am Zäunen, weil die Herde bald verschoben werden muss. Der Nachbar hat Traktorprobleme, und bei einem Verwandten steht bald das erste Branding an, Kälber impfen und mit Brandzeichen markieren. Kelsey nickt, alles klar, machen wir.

Wenn man ihren Ranching-Stil mit einem Wort beschreiben müsste, dann wäre es «sozial». Und das ist auch nur ein kleiner Teil ihrer Mission, über die sie immer und viel redet. «Wir haben 60000 Rinder im Reservat, aber nicht ein einziges wird hier verarbeitet und verkauft», sagt Kelsey. Im November werden die Tiere in grossen Trucks nach Missouri, Iowa oder Colorado gefahren und in sogenannten feedlots gemästet. «Das ist doch Wahnsinn!», fügt sie an. Ein ökolo- gischer Wahnsinn, aber auch ein sozialer: Während hier Weiderind erster Klasse produziert wird, essen die Menschen im Reservat Hamburger aus Abfallfleisch, das laut einer Studie von acht verschiedenen Rindern stammt. Dazu gibt es alles, was billig und haltbar ist, Verarbeitetes, Abgepacktes, Tiefgefrorenes. In dieser Nahrungsmittel-wüste sind die Distanzen viel zu weit, um regelmässig einkaufen zu können. Die Äpfel sind im Schnitt vierzehn Monate alt, und Frischwaren können sich ohnehin nur die wenigsten leisten. Es ist eine Armut, die fett macht und krank.

Darum will Kelsey anfangen, selber zu schlachten, und das Fleisch ab Ranch verkaufen. Es gibt jedoch in ganz South Dakota keinen zertifizierten Metzger. Aber niemand zweifelt daran, dass sie einen finden wird, am wenigsten sie selbst. Als Nächstes will sie «DX-Beef» als Lakotalabel vermarkten, vor allem lokal in South Dakota, später in den anliegenden Staaten. Ihre «high-quality burger» sollen sich aber auch die Armen leisten können – dank einem «Beef Relief»-Spendenfonds. Zudem soll es möglich sein, mit jedem gekauften Burger einen zu spenden. Diese Idee hat schon die Schuhmarke Toms erfolgreich gemacht.

Damit ist Kelsey Teil einer neuen Generation, die ihre Herkunft als Potenzial sieht. Bekanntestes Beispiel ist der Koch Sean Sherman, der auch aus South Dakota stammt und als «The Sioux Chef» bekannt ist. Mit Wildreis-Rezepten, Maisbrot oder Cookies aus Sonnenblumenkernen bringt er die Geschmacks­identität der Lakota in die Hipsterläden von San Francisco oder New York. Kelsey zieht trotzdem die Brauen hoch, als sein Name fällt. Sherman beziehe nicht aus indigenen Quellen und nähre das Bild von Indianern mit Federn im Haar, von Präriehippies und besseren Menschen in einer schlechten Welt. Und das ist eben auch falsch: «Er tut so, als würden wir immer noch Büffel jagen», sagt sie. Dabei seien die stark wie Elefanten und schnell wie Hirsche. Sie brauchen doppelt so hohe und doppelt so starke Zäune wie Rinder. «Holy cow, ein solches Management kann sich doch kein indigener Produzent leisten.»

Am Tag darauf fahren wir nach Eagle Butte. Kelsey will zeigen, wie es dort wirklich ist. Zudem haben die Ducheneaux organisiert, dass ihr Freund Steve, der Sänger aus Nashville, abends im «Legion» spielt. Eine gute Gelegenheit, um endlich den Finger zu röntgen. ­Inzwischen ist Kelsey ziemlich sicher, dass er gebrochen ist.

Eagle Butte ist nicht einmal ein Durchgangsort. Touristen verirren sich keine hierher. Wozu auch? Es gibt weder ein Motel noch ein Museum. Die Main Street ist eine Aneinanderreihung von Fast-Food- und Billig-Läden wie Family Dollar. Trostlos, aber auch nicht so viel trostloser als anderswo im amerikanischen Niemandsland. Natürlich gibt es verfallene Wohncontainer und Trailer, aber es gibt auch die herausgeputzten Strassen mit hübschen Häusern und getrimmten Rasen. Kelsey zeigt das Restaurant ihrer Cousine, wo es seit neuestem «gesunde Suppen und DX-Beef» gibt, dann das neue Reservoir, «endlich mehr sauberes Wasser», und schliesslich das brandneue Spital, «Top-Standard». Alles eine Frage der Perspektive. Auch das ist Go with the horse.

Eine Schwester führt an verwaisten Behandlungszimmern und Operationssälen vorbei, in denen noch nie jemand operiert wurde. Den Einheimischen fehlt die Ausbildung, und auswärtige Chirurgen wollen nicht in Eagle Butte arbeiten. Es ist trotzdem ein hoffnungsvoller Ort, irgendwo zwischen gestern und morgen. Auch das «Legion», wo die traurigen Figuren mit schiefen Zähnen schon am frühen Abend an der Bar sitzen. Bis die Ducheneaux hereinkommen und Kelsey allen erzählt, dass der Finger tatsächlich gebrochen ist, «ich wusste es».

Bald ist es wie an einem Familienfest. Alle sind da, Tante Colette, die Ärztin, Tante Nicki, die Anwältin, oder die Cousine Calico, die in Stanford Musik studiert. Und für einmal ist sogar Kelsey einfach nur eine 26-Jährige, die sich von Melissa die Haare mit einem Streckeisen glätten und die Lippen schminken liess. Sie kichern und schauen nach den Jungs, die sich an den Bierflaschen festhalten. Als die ersten Gitarrenklänge ertönen, richten sich auch die zusammengesackten Gestalten auf ihren Plastikstühlen auf. Die Ducheneaux fordern sie zum Tanzen auf. Und irgendwann wirbeln alle zusammen über die Tanzfläche. Jung, alt, dick, dünn, arm, reich, weiss, rot, die Vorwärts­denkenden und die Zurückgebliebenen, die Gewinner und die Verlierer. Sie lachen, sie torkeln, sie brüllen und sind alle vereint in dem Gefühl, vielleicht doch so etwas wie eine Zukunft zu haben in dieser gottverdammten Welt.