Im Netz der Klimaleugner

NZZ am Sonntag, 10. März 2019
Fotos von Volker Sträther
Gefälschte Interviews, denunzierende Videos: Ein internationales Netz von Klimaskeptikern und Lobbyisten greift etablierte Wissenschafter an. Auch in der Schweiz.

In Zusammenarbeit mit Boas Ruh

Reto Knutti, Klimaforscher an der ETH Zürich, beschreibt die Angriffe auf seine Wissenschaft in fünf Stufen: lärmen, sabotieren, attackieren, diffamieren, bedrohen. Im Dezember hat er einmal mehr Stufe vier erlebt: diffamieren.

Es war in der Radiosendung «Kontext», die auf SRF 2 ausgestrahlt wurde. Darin beantwortete Knutti Fragen zum Klimawandel. Am Ende sagte die Moderatorin Monika Schärer: «Auf Ihrer Facebook-Seite habe ich den Satz gefunden: ‹Ich tue mein Bestes, um die Welt zu retten.› Was tun Sie konkret?» Knutti hielt inne, um diesen Moment der Irritation so zu überspielen: «Ich bin nicht sicher, ob ich das gesagt habe.» Knutti hat nie ein Profil auf Facebook angelegt. Aber jemand anders.

Reto Knutti ist Professor für Klimaphysik und das Aushängeschild der Schweizer Klimaforscher. Das macht ihn zur Zielscheibe.

Kein anderer Wissenschaftszweig war in den letzten Jahren mehr im Fokus als die Klimaforschung. Und Reto Knutti ist nur eine Reizfigur für ein Netzwerk von Skeptikern und Leugnern, das von Oberägeri bis nach Washington DC reicht, von privaten Instituten bis ins Weisse Haus.

Das Facebook-Profil ist der zweite Angriff auf Knuttis Identität: 2017 hat die amerikanische Fake-News-Seite «Before It’s News» ein gefälschtes Interview mit dem Forscher veröffentlicht, das auch in Russland verbreitet wurde. Darin sagt «Knutti» den «Horror» einer bevorstehenden Apokalypse voraus, in prophetischen Sätzen wie «In der Schweiz haben Sie noch drei Jahre».

Klingt absurd, aber seriös genug, um Journalisten von Bulgarien bis Russland glauben zu lassen, Knutti habe diese Aussagen tatsächlich gemacht. Knutti, der die beiden letzten grossen Berichte des Weltklimarats als Hauptautor mitverfasst hat.

Das Intergovernmental Panel on Climate Change IPCC wurde 1988 von den Vereinten Nationen und der Weltorganisation für Meteorologie mit dem Ziel gegründet, den Stand der Forschung zum Klimawandel zusammenzutragen und Risiken abzuschätzen. Für den letzten Bericht haben über 800 Forscher aus mehr als 80 Ländern Zehntausende Studien ausgewertet. Auf sie verlassen sich die Regierungen dieser Welt. Auf dem IPCC-Bericht basieren das Pariser Abkommen und die aktuellste Forderung, CO2-Emissionen bis im Jahr 2050 auf null zu bringen.

Es ist eine Forderung, die spaltet: links versus rechts, Generation Greta versus Generation Trump, sogenannte «Warmisten» oder Alarmisten versus Skeptiker oder Leugner.

«Gangsterbande IPCC»

Und so hat sich jemand die Mühe gemacht, Knuttis Aussagen zu fälschen. «Das hat mich schon erschreckt», sagt er am Institut für Atmosphäre und Klima der ETH Zürich. «‹Die Gangsterbande des IPCC gehört ins Gefängnis›», zitiert Knutti aus den E-Mails von Kritikern. «‹Es ist eine Frage der Zeit, wann Sie an den Europäischen Gerichtshof gezogen werden.›»

Früher empfand Knutti solche E-Mails noch als unangenehm. Heute sagt er: «Schlimm ist, wenn Aussagen gefälscht werden und ich die Kontrolle über meine Argumentation verliere.» Weil das mitten ins Herz des Forschers zielt: seine Kompetenz.

Knutti spricht ohne Groll. Mit 45 sieht er immer noch aus wie der Lehrersohn aus dem Berneroberland, der bei Thomas Stocker doktoriert hat, dem Leiter der Abteilung Klima– und Umweltphysik an der Universität Bern, einem der renommiertesten Klimaforscher der Welt. Auch Stocker wird von Erfahrungen mit Skeptikern erzählen. Die Geschichte von Reto Knutti ist die von allen prominenten Klimaforschern dieser Welt. Immer dieselbe Handlung, mit austauschbaren Leugnern.

Einer von ihnen ist Paul Bossert, 80, der als ehemaliger Bauingenieur von Klimaforschung so viel Ahnung haben dürfte wie Knutti vom Häuserbau. Trotzdem beschwert er sich sogar bei Bundesräten über den Forscher. Oder beim ETH-Vizepräsidenten für Personal und Ressourcen: «Herr Knutti will den Nachweis einer Kausalität zwischen CO2 und Erderwärmung nicht bringen», schrieb er im Januar.

Bossert erfüllt dieselben Attribute wie fast alle, die in dieser Recherche eine Rolle spielen: Sie sind männlich, pensioniert oder emeritiert. Sie bezeichnen sich als wissenschaftlich kompetent, ohne etablierte Klimaforscher zu sein. Und sie säen Zweifel.

Man kann diese Männer in Kategorien einteilen: 1. Klimaleugner. Sie zweifeln an der Existenz der Klimaerwärmung und am menschlichen Einfluss auf die steigenden Temperaturen. 2. Klimaskeptiker. Sie zweifeln an der Grösse des menschgemachten Anteils, den problematischen Folgen des Klimawandels und der Wirksamkeit von Schutzmassnahmen.

Der Subtext ist immer derselbe: Es gibt für sie keine wissenschaftliche Grundlage, die umweltpolitische Eingriffe rechtfertigen würde. Und so herrscht ein Schein-Krieg um wissenschaftliche Fakten, in Wahrheit ist es ein Krieg um Geld, Macht und Ideologien.

«Und Sie sollten den Mainstream nicht einfach nachplappern. Es wird nicht wärmer, sondern kälter.»

Paul Bossert hat das «Klimamanifest von Heiligenroth» verfasst, eine Initiative von «Klimarealisten» aus der Schweiz und Deutschland, die den Einfluss von menschlich verursachtem CO2 auf das Klima bestreiten.

Am Telefon bezeichnet sich Bossert als Naturwissenschafter, der die Erkenntnisse der etablierten Forschung für erstunken und erlogen hält. «Und Sie», sagt er, «sollten den Mainstream nicht nachplappern. Es wird nicht wärmer, sondern kälter.»

Mainstream? 1988 hat der Nasa-Forscher James Hansen dem amerikanischen Kongress die Auswirkungen des Treibhauseffekts erklärt. Als der wissenschaftliche Konsens viele Jahre später wieder infrage gestellt wurde, untersuchte die Historikerin Naomi Oreskes alle Studien, die zwischen 1993 und 2003 in Fachzeitschriften unter dem Stichwort «globaler Klimawandel» erschienen waren. Keine der 928 begutachteten Arbeiten bestritt, dass der grösste Teil der beobachteten Erwärmung menschgemacht ist. Heute kommen 97 Prozent der Studien und meistpublizierenden Klimaforscher auch zu diesem Ergebnis.

Es gibt also zwei Debatten, die Fachdiskussion an den Universitäten und die Skeptikerdiskussion in einer Parallelwelt von Blogs, privaten «Instituten» und Konferenzen.

Paul Bossert trifft mit seinen Leserbriefen und Kommentaren einen Nerv bei Leuten, die Eliten anzweifeln und um ihre Freiheit fürchten. Die Männer vom Klimamanifest Heiligenroth besuchen auch Vorträge wie etwa den vom Berner Klimaforscher Stocker in Vaduz, um ihn in sogenannten Video-«Faktenchecks» zu sezieren. Diese Videos werden wiederum auf der Seite des Europäischen Instituts für Klima und Energie Eike veröffentlicht, der deutschen Drehscheibe eines internationalen Netzwerks, von dem später noch die Rede sein wird.

So unprofessionell die Videos anmuten, sie sind nicht zu unterschätzen. Das Klimamanifest, das 342 Personen unterschrieben haben, vom Tischlermeister über den Landwirt bis zum Arzt, erinnert im Kern an die Oregon-Petition.

Ab 1998 unterzeichneten über 31 000 sogenannte Wissenschafter eine Erklärung, die den menschgemachten Klimawandel für einen Schwindel halten. Unterschrieben wurde auch mit Namen wie Charles Darwin. Die National Academy of Sciences, die berühmteste Vereinigung der US-Wissenschafter, distanzierte sich von der Petition. Dennoch wird sie bis heute als fundierter Gegenbeleg verwendet – auch in der Argumentation von Politikern. SVP-Nationalrat Walter Wobmann zum Beispiel verweist im Gespräch noch 20 Jahre später auf die «31 000 Forscher». «Ob der Mensch schuld am Klimawandel ist, kann niemand beweisen», sagt er. «Sein CO2-Ausstoss ist unbedeutend klein.»

Glauben an den Zweifel

Das glaubt auch ein beachtlicher Teil der Schweizer Bevölkerung. Gemäss der «European Social Survey» zweifeln 98 Prozent der befragten Teilnehmer den Klimawandel zwar nicht an. Nur 44 Prozent glauben jedoch, dass menschliche Aktivitäten hauptsächlich für die Erwärmung verantwortlich sind. Wie ist das möglich? Und wer hat Interesse an einer alternativen Wahrheit?

Markus O. Häring, Geologe, 67, hat einst als Spezialist für Geothermie Schlagzeilen gemacht. Er wollte Basel mit Strom aus Erdwärme versorgen. Seine Tiefenbohrungen liessen jedoch die Erde beben und Häuser zittern. Häring kam als Projektleiter vor Gericht, wurde aber freigesprochen. Heute ist der Pensionär einer von Unzähligen, die Meinungsartikel oder Bücher schreiben. «Sündenbock CO2» heisst Härings neustes Buch. Zudem erreicht er als Kolumnist der «Basler Zeitung» regelmässig ein grösseres Publikum. Die «BaZ» bildete hierzulande mit der «Weltwoche» eine mediale Sturmfront gegen den wissenschaftlichen Klimakonsens. In seinen Texten vergleicht Häring den Weltklimarat etwa mit einer Lehrerin, die ihren Schülern einen hungernden Eisbären aufbinde. Das IPCC sei «hochpolitisiert», die Klimastreiks bezeichnet Häring als «Massenpsychose» und CO2-Emissionen als «Atem der Zivilisation».

Trotz solchen Aussagen oder gerade deshalb: Eben dieser Markus O. Häring sass am 24.November in der Fernsehsendung «Basler Zeitung Standpunkte» Reto Knutti und anderen gegenüber. Diskutiert wurden Fragen, die längst beantwortet schienen: «Können wir das Klima beeinflussen?», wollte Moderator Reto Brennwald wissen: «Und wenn ja, wie?»

Knutti und Häring, zwei Welten, die sich fundamental gegenüberstehen. Häring: «Wie gross der menschgemachte Anteil der Erderwärmung ist, kann bis heute niemand quantifizieren.» Knutti: «Die Erwärmung ist mit 95 Prozent Sicherheit zum grössten Teil menschgemacht.» Häring: «Klimaforscher brauchen eine alarmistische These, um an Forschungsgelder zu kommen, ergebnisoffene Untersuchungen sind nicht gefragt.» Knutti: «Könnte ich beweisen, dass CO2-Emissionen keinen Einfluss haben, würde ich reich und den Nobelpreis gewinnen.»

Naomi Oreskes rät Wissenschaftern, sich öffentlich nur mit etablierten Forschern zu duellieren. «Ist das Gegenüber jemand, der alternative Fakten als Fakten präsentiert, hat man verloren», sagt die Harvard-Professorin am Weltwirtschaftsforum in Davos, wo sie mit der «NZZ am Sonntag» spricht. Skeptiker wollen ja gerade den Eindruck vermitteln, es gäbe etwas zu debattieren.

Oreskes hat mit dem Wissenschaftshistoriker Erik M. Conway ein Buch geschrieben, das sich wie ein Thriller liest. Es heisst «Die Machiavellis der Wissenschaft» und zeigt auf, wie seriöse Forscher von bezahlten Lobbyisten diffamiert und wie Kampagnen lanciert werden, um in den Medien Falschinformationen zu verbreiten.

«Die Menschen unterschätzen die Macht der fossilen Industrie», sagt Oreskes. «Sie tut alles, um ihre Interessen zu schützen.» Dabei wenden ihre Lobbyisten dieselben Strategien an wie einst die Tabakkonzerne: Seit den fünfziger Jahren belegen interne Untersuchungen, dass Rauchen schädlich ist und Krebs verursacht. Trotzdem konnte diese Wahrheit 50 Jahre lang verzerrt werden. Mit einer simplen, aber effektiven Strategie. Die von der Tabakindustrie engagierte PR-Firma Hill and Knowlton brachte es so auf den Punkt: «Zweifel ist unser Produkt.»

Argumentiert auch Markus O. Häring im Interesse der Industrie? Er hat für Shell auf der ganzen Welt nach Öl gesucht. In einem Interview mit der «Tageswoche» schwärmt er von Zeiten, in denen er mit über 500 Helikopterflügen einen Bohrturm in den peruanischen Dschungel transportierte. Heute sagt er: «Ich werde von niemandem bezahlt.» Wer der anonyme Spender ist, der seine Bücher finanziert, will Häring beim Kaffee aber nicht sagen. Er sei auch in keiner Partei, fügt er an, vollkommen unabhängig. In einer Partei nicht, aber Mitgründer des Schweizer Carnot-Cournot-Netzwerks CCN.

Der liberale Think-Tank mit Sitz in Basel steht für maximale Freiheit und minimale Staatseingriffe. Zum Vorstand gehören einflussreiche Akteure um den Ökonomen Silvio Borner, die an die Kraft eines Marktes glauben, der alles lösen kann – ohne Eingriffe.

Naomi Oreskes sagt: «Heutzutage betreiben vor allem libertäre Think-Tanks Desinformation.» Häring will nicht beantworten, ob der Klimawandel auch für ihn eine ideologische Frage ist. «Diffamierende Anwürfe sind ein Zeichen fehlender Argumente», sagt er.

Im Dezember 2018 kursierte in Forscherkreisen eine E-Mail. Verfasst wurde sie von einem Mitarbeiter der Universität Basel, der Bedenken über einen «fragwürdigen» Anlass äussert, der im Januar an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät stattgefunden hat, «Energiestrategie 50 – Wie umsetzen?».

Eingeladen haben der emeritierte Professor Silvio Borner und das Carnot-Cournot-Netzwerk, referiert hat unter anderem der bekannte Klimaleugner Horst-Joachim Lüdecke.

Lüdecke, ehemaliger Physikprofessor, 75, beschäftigt sich seit der Pensionierung mit Klimafragen. Als Pressesprecher des Europäischen Instituts für Klima und Energie, kurz Eike, ist er so umstritten, dass die Universität Heidelberg sich öffentlich distanziert hat. Lüdecke war nie in Heidelberg tätig. Weil er aber dort wohnt, wird er mit der Universität in Verbindung gebracht. Und die will mit seinem Institut nichts zu tun haben – es gilt als Zentrale der deutschsprachigen Klimaskeptiker.

«Unfassbar dubios»

Eike ist ein privater Verein, der in Jena eine Postadresse hat und sich auf der Website so positioniert: «Die Behauptung eines ‹menschengemachten Klimawandels› ist naturwissenschaftlich nicht begründbar und als Schwindel anzusehen. Eike lehnt jegliche ‹Klimapolitik› als Vorwand ab, Wirtschaft und Bevölkerung zu bevormunden.»

Auf der Website von Eike kommt alles zusammen, Klimamanifest Heiligenroth, Artikel von «BaZ» oder «Weltwoche». Gleichzeitig öffnet sich ein Universum von Gleichgesinnten aus der ganzen Welt. Für sie organisiert Eike Konferenzen, an denen immer dieselben Gesichter referieren. An der letzten lauteten die Vorträge etwa: «Elf Tatsachen, die man wissen muss, um nicht an den menschgemachten Klimawandel zu glauben.»

Einer, der vor zwei Jahren von Eike als Referent eingeladen wurde, ist der Grenchner Elias Meier. Er leugne den Klimawandel nicht, betont Meier, sei aber als Naturschützer gegen grosse Windräder. Von Eikes Positionen distanziert er sich. «Die Konferenz hat mich irritiert», sagt Meier. Die einseitige Debatte, die «unfassbar dubiosen Fachbücher». Eines habe von angeblich unerschöpflichen Ölressourcen gehandelt. Was Meier am meisten befremdet hat: «Die Teilnehmer waren fast nur Rentner oder Vertreter der Kohleindustrie – auf jeden Fall AfD-Wähler.»

Warum holt das Carnot-Cournot-Netzwerk CCN einen Klimaleugner an die Universität Basel? Obwohl der Druck so gross wurde, dass das Uni-Logo von der Einladung entfernt werden musste?

Silvio Borner und Markus O.Häring betonen, dass Lüdecke realistische energiepolitische Positionen vertrete. Niemand leugne den Klimawandel, das Thema sei an der Tagung nicht besprochen worden. Lüdecke sprach über die physikalischen Grenzen von Sonnen- und Windenergie. Die anschliessende Podiumsdiskussion war offen.

Was Eike betrifft, bleiben Borner und Häring vage. Lüdeckes wissenschaftliche Arbeit wollen beide nicht beurteilen. Dass Lüdecke kritische Fragen stelle, sei kein Grund, ihn zu verleumden. Borner sagt: «Ich habe das CCN zur Verteidigung von liberalen Werten und wissenschaftlicher Unabhängigkeit gegründet. Wir wollen weder mit einer Partei noch mit Interessengruppen verbandelt und auch nicht Teil des Eike-Netzwerks sein.»

«Der menschgemachte Klimawandel ist wissenschaftlich umstritten»

Bezüge finden sich trotzdem. In einem Beitrag auf der CCN-Website aus dem Jahr 2017 zum Beispiel. Der menschliche Beitrag auf das Klima sei «praktisch unbedeutend», heisst es dort. Und weiter: «Die Ursachen der Erderwärmung sind nicht geklärt.» Als Beleg wird unter anderem angegeben: eine Eike-Publikation von Horst-Joachim Lüdecke.

In Deutschland ist Lüdecke, der für eine Stellungnahme unerreichbar war, nicht überall eine Persona non grata. Bei der AfD finden die Vertreter von Eike offene Türen. Sie haben die Rechtspopulisten in Umweltfragen beraten. Auf der Website von Eike wird Horst-Joachim Lüdeckes Auftritt im Bundestags-Umweltausschuss gefeiert. «Der menschgemachte Klimawandel ist wissenschaftlich umstritten», sagte der Eike-Pressesprecher dort vor rund zwei Wochen.

Es ist wie ein Déja-vu. Was sich in Deutschland abspielt, läuft analog zu den USA, wo Klimaskeptiker schon nah an der Macht sind. Seit Donald Trump zum Präsidenten gewählt worden ist, reicht ihr Arm bis ins Weisse Haus.

Es ist nicht mehr die Welt des Klimamanifests von Heiligenroth, das in einer Autobahnraststätte aufgesetzt worden ist. Es ist die Welt von libertären Thinks-Tanks und Konferenzen in Sternehotels, an denen VIP-Tische bisweilen Zehntausende von Dollars kosten. Sie heissen CFACT, Cato Institute, Americans for Prosperity – nicht einmal die Expertin Naomi Oreskes kann sie alle aufzählen.

Einer der einflussreichsten ist das Heartland Institute, amerikanisches Pendant von Eike. Gemeinsam veranstalten sie Anlässe für die internationale Skeptikerelite. Zuletzt im polnischen Kattowitz, als Gegengipfel zur Weltklimakonferenz.

Hinter dem Heartland Institute steht unter anderem die Familie Mercer, die auch Trumps Wahlkampf mitfinanziert hat. So ist es auch Heartland zu verdanken, dass die USA beim Pariser Abkommen nicht mehr dabei sind oder die Umweltbehörde EPA eine Umweltschutzmassnahme nach der anderen gelockert hat.

Heartland berät die Regierung Trump. Im Vorfeld der Rede zur Lage der Nation 2018, heisst es auf der Website, sei man direkt aus dem Weissen Haus mit der Frage nach Textvorschlägen kontaktiert worden.

Skeptische SVP-Positionen

Lässt sich auch die Schweizer SVP von Skeptikern beraten? Offiziell nicht. In ihrem Positionspapier zur Klimapolitik finden sich aber ähnliche Formulierungen wie bei der AfD. «Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass die alarmierenden Meldungen der letzten Jahre, wonach menschliche Aktivitäten das Klima beeinflussen würden, nicht der Realität entsprechen», steht in dem SVP-Papier, das von 2009 stammt, aber noch gültig ist.

Die Berliner Denkfabrik Adelphi hat in einer Studie die Klimapolitik von 21 rechtspopulistischen Parteien in Europa untersucht. Sieben davon leugnen demnach den Klimawandel, die menschgemachten Ursachen oder die negativen Folgen. Das SVP-Positionspapier erfüllt diese Kriterien laut Adelphi ebenfalls.

Auch die Skeptikerelite ist längst in der Schweiz angekommen. Auf Climate Depot, dem berühmtesten Leugnerblog der USA, stösst man auf einen Artikel über «A new research institute in Switzerland».

In Oberägeri wurde 2016 das Institut für Hydrografie, Geoökologie und Klimawissenschaften gegründet. Ziel sei, zu zeigen, wie es in der «BaZ» hiess, dass CO2 nicht zwingend der Haupttreiber der Erwärmung ist.

Das Institut ist ein Verein, der in einem Büro Platz hat und aus zwei privaten Forschern besteht. Einer von ihnen: Sebastian Lüning. Der Deutsche hat zusammen mit Fritz Vahrenholt «Die kalte Sonne» geschrieben, eines der berühmtesten Skeptikerbücher der letzten Jahre, in dem die Sonne als Hauptfaktor für die Klimaerwärmung verantwortlich gemacht wird.

Lüning ist überall, ausser am Ägerisee. An Heartland-Konferenzen, an Eike-Konferenzen, bei der AfD-Fraktion im Bundestag, in der fossilen Industrie. Erreichen kann man dem Geologen in Lissabon, wo er für das Öl- und Gasunternehmen Galp Energia arbeitet.

Auf Bildern sieht der aussergewöhnlich junge Skeptiker gut aus. Am Telefon spricht er eloquent, äussert sich kritisch. Sogar gegenüber seiner Zunft. «Auch bei Eike gibt es Beiträge, die gehen auf keinen Fall», sagt Lüning und betont, dass er «sehr viel» davon akzeptiere, was das IPCC publiziere.

Antiwissenschaftliche Hybris

Widersprüche taxiert er gekonnt. Lüning forscht in der Freizeit «unabhängig», im Alltag sucht er neue Öl- und Gasvorkommen. Er bezeichnet sich als gemässigten Skeptiker, publiziert aber mit Klimaleugner Horst-Joachim Lüdecke. «Ich vertrete einige seiner Ansichten nicht, aber darf ich deshalb nicht mehr mit ihm forschen?», fragt Lüning. «Ich würde auch gerne mit Herrn Knutti arbeiten!»

Trägt man diese Botschaft an die ETH Zürich, ist Knutti mässig begeistert. Der Klimaforscher ist offen, überlegt aber genau, wofür er Zeit investiert und welche Veranstaltungen er besucht. Er versucht, möglichst sachlich zu sein und vor allem seinen Job gut zu machen. Das ist seine Strategie im Umgang mit Skeptikern und Leugnern.

Vielleicht hat Reto Knutti inzwischen ein Gespür für seine Gegner. Auf dem Blog «Die kalte Sonne», das Lüning mit seinem Kollegen betreibt, finden sich auch Beiträge über den ETH-Forscher. Verfasst in einem Ton, der an die Männer vom Klimamanifest erinnert. Seziert wird zum Beispiel ein Radiointerview von letztem Juni. Knutti wird als «Klima-Aktivist» bezeichnet, der im Gespräch zu «antiwissenschaftlicher» Hybris neigt und an «Kritikunfähigkeit» leidet.

«Ich habe immer wieder versucht, mit solchen Personen zu diskutieren» sagt Knutti. «Weist man ihnen Fehler nach, schwenken sie auf neue angebliche Ungereimtheiten um.» Dafür fehlt die Zeit.