«Irgendwann macht es: Bumm!»

NZZ am Sonntag, 19. November 2017
Überbevölkerung, Klimawandel, Artensterben. So kann es nicht mehr weitergehen, sagen die Stanford-Biologen Elizabeth A. Hadly und Anthony D. Barnosky. Was kann den Planeten noch retten?

NZZ am Sonntag: Sie haben eine Studie koordiniert, die Politiker wie Barack Obama beeinflusst hat. Kernaussage ist, dass unser Planet auf einen sogenannten Tipping Point zusteuert. Was verstehen Sie darunter?

Elizabeth A. Hadly: Stellen Sie sich ein Ei vor, das vom Tisch fällt und zerbricht. Das Ei ist zwar noch da, der Schaden aber irre­versibel. In der Ökologie sind solche Wendepunkte schon vielerorts erreicht. Wir sehen das beispielsweise am Verlust von Wald. In Kalifornien allein sind innert zweier Jahre 102 Millionen Bäume gestorben.

An den Folgen des Klimawandels?

Hadly: Die Temperaturen sind sicher zu warm und das Klima zu trocken. So können sich Kiefernkäfer inzwischen mehrmals pro Jahr reproduzieren. Sie fressen sich entlang der Rocky Mountains bis nach Kanada und Alaska. Das sind Hunderte von Meilen toter Wald, 80 Prozent der Bäume – einfach weg.

Was bedeutet das für den Planeten?

Anthony D. Barnosky: Die Veränderungen laufen dramatischer ab denn je. Seit ein Asteroideneinschlag die Dinosaurier vernichtet hat, sind die Arten noch nie schneller verschwunden. Solche Verschiebungen der Biosphäre hat es in der Geschichte der Erde nur fünfmal gegeben, zuletzt vor 12000 Jahren, am Ende der letzten Eiszeit, als die Hälfte der Grosssäuger ausgelöscht wurden.

Und so einem Massensterben gehen wir jetzt auch entgegen?

Hadly: Wir verlieren bereits einen grossen Teil der Artenvielfalt. Die Temperaturen werden in den nächsten Jahrzehnten heisser als in den letzten 15 Millionen Jahren. Viele Arten werden nicht mithalten können, und an manchen Orten wird es für Säuger – uns eingeschlossen – schlicht zu heiss.

Ökosysteme entwickeln sich und kollabieren wieder, Arten kommen und gehen. Was ist diesmal anders?

Barnosky: Wir Menschen. Wir beanspruchen die Hälfte des Planeten. Wir haben in den letzten 50 Jahren die Hälfte der Wirbeltiere ausgerottet und in manchen Gegenden bis zu 75 Prozent der Insektenarten. Die Wurzel von allem ist, dass wir zu viele sind und zu viel konsumieren. Jeder von uns hat einen ökologischen Fussabdruck. Je mehr wir sind, desto grösser ist unser Bedarf an Ressourcen, und desto weniger bleibt für andere Arten übrig. So treiben wir den Planeten an verschiedenen Fronten an kritische Grenzen.

Das heisst?

Barnosky: Sicher ist, dass Ökosysteme sich nicht langsam und graduell verändern. Wir drücken und drücken und drücken, und irgendwann macht es bumm!

Angenommen, es macht tatsächlich bumm. Wie müssen wir uns die Welt vorstellen?

Hadly: Als Albtraum. Heute leben mehr als 7 Milliarden Menschen auf diesem Pla­neten. Gemäss Prognosen werden es bis im Jahr 2050 10 Milliarden sein. Obwohl bereits 850 Millionen Menschen an Hunger leiden. Der soziale Druck wird zunehmen und mit dem Klimawandel und der Zerstörung der Ökosysteme auch der Kampf um Nahrung oder Wasser. Dabei sind schon so viele ­Menschen auf der Flucht. Wir haben unser Szenario vor der Flüchtlingskrise entworfen. Die beste Visualisierung dafür sind die Bilder der verzweifelten Menschen vor den Toren Europas.

Sie haben auch ein Buch geschrieben, in dem sie eine apokalyptische Zukunft entwerfen. Dabei wird die Welt doch auch immer besser. Das Bildungsniveau steigt, wir haben Krankheiten besser Griff, die gewaltsamen Konflikte nehmen ab.

Barnosky: Es wird immer das Gute und das Schlechte in der Welt geben. Entwickeln sich die Dinge aber wie bisher, wird alles, was wir heute als unangenehm empfinden, häufiger und normal werden. Mehr Stürme, mehr Waldbrände, mehr Hitzewellen, mehr Katastrophen, mehr Krankheiten, mehr Verschmutzung, mehr Hunger, mehr Armut, mehr Konflikte, mehr Krieg.

Wenn Sie eines der globalen Probleme auf der Stelle lösen könnten, welches wäre das?

Barnosky: Der Klimawandel. Zusammen mit der Überbevölkerung ist er sicher der grösste Treiber.

In den letzten zwei Wochen wurde am Klimagipfel in Bonn darüber verhandelt, wie das Pariser Abkommen durchgesetzt werden soll. Auf einer Skala von 1 bis 10: Wo stehen wir in der Klimafrage?

Barnosky: Auf einer 4. Dabei sollten wir auf einer 8 oder einer 9 sein. Je länger wir warten, desto strenger müssen die Kürzungen sein. Die Anerkennung des Problems ist jedoch ein Meilenstein. Zum ersten Mal sagen bis auf die USA alle Länder: «Ja, wir haben ein globales Problem.» Das ist huge, wie unser Präsident sagen würde.

Trotzdem ist zwei Jahre nach Paris keine der grossen Industrienationen auch nur annähernd dabei, ihre Emissionsziele zu erreichen.

Barnosky: Was fehlt, ist die Verpflichtung, fossile Brennstoffe zu ersetzen. Sogar Leute, die das Klimaproblem auf politischer Ebene angehen, wollen sie bloss reduzieren statt ­ersetzen.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel oder der kanadische Premierminister Justin Trudeau reden zwar gegen die fossilen Brennstoffe an, tun faktisch aber wenig, wenn es darum geht, Kohlefabriken zu schliessen oder Pipelines zu verhindern.

Barnosky: Man kann nicht über Nacht auf erneuerbare Energien umstellen. Politiker wie Trudeau haben zwei wichtige Jobs: die Gesellschaft am Laufen zu halten und die Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energien bis 2050 einzuleiten. Die Schlüsselfrage ist, ob die Politiker die richtigen Weichen stellen.

Tun sie das?

Hadly: Das Pariser Abkommen ist sicher viel zu liberal, es gibt keine Kontrollen. Dafür passiert viel auf subnationaler Ebene. Ich denke da zum Beispiel an die globale Umweltschutzinitiative «Under2 MOU», ein ­Abkommen, bei dem sich klimaengagierte Regionen, Länder und Städte verpflichten, den Anstieg der Temperaturen um mehr als 2 Grad zu verhindern.

Wo Regierungen versagen, müssen Städte übernehmen?

Hadly: Es ist sicher eine Möglichkeit, ­darum herumzukommen, was Präsidenten tun oder eben nicht. Wenn man alle diese Subregionen zusammenzählt, die «Under2 MOU» unterschrieben haben, bilden sie 39 Prozent der globalen Wirtschaft, 1,2 Milliarden Menschen, das ist massiv.

An welcher Stadt sollen wir uns ein Beispiel nehmen?

Barnosky: Ironischerweise kommen mir Beispiele aus den konservativsten Staaten in den Sinn: Greensburg, Kansas, hat sich nach einem Tornado zu 100 Prozent grün aufgebaut. Auch Georgetown, Texas, bezieht praktisch alles aus erneuerbaren Energien. Nicht weil die Menschen dort so umweltfreundlich sind, sondern weil es ökonomischer ist.

Und welches Land ist innovativer als alle anderen?

Hadly: In Portugal haben sechs Städte eine Initiative unterzeichnet, die den ökologischen Fussabdruck einer Stadt untersucht, um daraus politische Massnahmen abzuleiten. Überprüft wird, wie hoch der Ressourcenbedarf ist und was das wiederum für den CO2-Ausstoss bedeutet. Das Ziel ist, am Ende keine Emissionen zu haben.

Wie viele Menschen hält der Planet eigentlich aus?

Barnosky: Das kommt darauf an, ob wir nachhaltige Technologien entwickeln und die Belastbarkeit der Erde gleichzeitig steigern können. Momentan würde es 1,7 Erden brauchen, um wie bisher zu konsumieren, und ungefähr 5 Erden, wenn die ganze Welt auf dem westlichen Konsumlevel wäre. Experten, die auf der Basis von heutigen Mustern eine nachhaltige Belastung untersucht haben, setzen das Limit schon bei 2 Milliarden Menschen.

China hat sein Bevölkerungswachstum mit der Ein-Kind-Politik in den Griff bekommen, die sozialen Folgen waren jedoch enorm. In Mauritius haben Aufklärung und Zugang zu Verhütungsmitteln geholfen. Was empfehlen Sie?

Hadly: Eine globales Limit ergibt sicher keinen Sinn, zumal das Bevölkerungsproblem vor allem die afrikanischen Länder betrifft. Stellen sie sich vor, wir gingen nach Nigeria und sagten: «Ihr könnt nicht mehr als zwei Kinder haben.» Viel besser ist es, allen Menschen Bildung zu ermöglichen. Besonders tragisch finde ich in diesem Zusammenhang, dass die grosse amerikanische Idee, allen Ländern Zugang zu Geburtenkontrolle zu schaffen, von unserem Präsidenten untergraben wird. Das schadet besonders den Frauen.

Die Rettung des Planeten liegt in der Förderung der Frauen?

Hadly: Ja, weil sie von der alleinigen Aufgabe erlöst werden, «nur» Kinder zu haben. Die Daten zeigen ein ganz klares Bild: Je mehr Mädchen zur Schule gehen, desto eher haben sie später Jobs und demzufolge auch weniger Kinder. Frauenförderung liegt also nicht nur im Interesse der Mädchen, sondern auch der Regierungen.

Sie sind Paläoökologen und erklären heute auch Politikern die Zukunft. Wie kam das?

Barnosky: Ich habe eine E-Mail vom kalifornischen Gouverneur Jerry Brown bekommen. Zuerst dachte ich, das sei ein Witz. Ich bekomme ja auch E-Mails von Leuten, die sagen, ich solle mich selber rezyklieren oder yogisches Fliegen ausprobieren, um meinen Fussabdruck zu reduzieren. Aber es war tatsächlich Brown. Er hatte von unserer Forschung gelesen und gefragt: «Warum schreit ihr das eigentlich nicht von den Dächern?»

Ja, warum eigentlich nicht?

Hadly: Ich dachte, dass wir das bereits tun. Brown hat uns gebeten, die Befunde in einen Leitfaden zu übersetzen, den er als Grundlage für politische Verhandlungen brauchen könnte. Es war Neuland, aber Brown gab alles vor, sogar die Schrift, eine klare, einfache wollte er: Franklin Gothic.

Diese 46-seitige Konsenserklärung haben inzwischen 3500 Wissenschafter unterschrieben und Politiker wie der chinesische Präsident Xi Jinping gelesen. Müssen Forscher heutzutage auch Aktivisten sein?

Hadly: Eigentlich bin ich am liebsten draussen, im Feld. Irgendwann habe ich aber realisiert, wie nah meine Arbeit am Leben ist. An diesem Punkt dachte ich, die Wissenschaft scheitert. Wir können an Meetings gehen, Vorträge halten oder Daten analysieren. Was wir aber wirklich tun müssen, ist, die Gesellschaft dazu bringen, über unsere Fragen zu diskutieren. Es geht nicht mehr bloss um Wissenschaftsartikel, es geht um mehr.

Trump ist gegen den «Clean Power Plan», er öffnet Naturschutzgebiete für den Abbau von Ressourcen und schickt eine Sachbearbeiterin ans Klima-Gipfeltreffen. Wie schlimm ist Trump für die Umweltbewegung?

Hadly: Was alles passiert, ist enorm deprimierend. Unsere Arbeit ist zwar nicht konkret betroffen, noch nicht, aber die von vielen Kollegen und Freunden. Sie dürfen das Wort Klimawandel nicht verwenden, ihre Forschungen nicht fortsetzen und nicht darüber sprechen. Aber es ist viel heimtückischer als das.

Nämlich?

Hadly: Wissenschafter galten immer als Fürsprecher der Wahrheit. Natürlich sind auch wir Menschen, auch wir machen Fehler, sagen nicht immer die richtigen Dinge, aber wir streben eine Art globale Wahrheit an. Dass Trump diese herabsetzt, ist entsetzlich. Wahrheit ist doch das, worauf alle Beziehungen aufbauen. Wenn man nicht einmal darauf vertrauen kann, worauf dann?

Gibt es denn noch so etwas wie einen Dialog?

Barnosky: Früher dachte ich immer, dass man mit den Leuten in der Regierung reden kann. Weil wir von ­denselben Fakten ausgehen. Jetzt denke ich, es ist egal, was ein Wissenschafter sagt, ausser es ist das, was die Administration hören will.

Nicht fliegen, kein Fleisch essen, weniger einkaufen – wir wissen im Grunde alle, was zu tun ist, scheitern aber trotzdem jeden Tag. Wie ist das bei Ihnen?

Hadly: Eine der grössten Veränderungen ist vermutlich, dass Anthony nicht mehr von unserem Daheim in Palo Alto an die ­Uni­versität Berkeley pendelt. Das war über Jahre ein Thema, egal, ober er mit dem Hybridauto unterwegs war, mit dem Zug oder mit dem Velo. Inzwischen arbeiten wir beide in Stanford. Zudem haben wir ein grünes Anlagen-Portfolio und Strom aus erneuerbaren Energien. Die grösste Herausforderung ist sicher, dass wir so viel reisen.

Eine CO2-Steuer auf jedes Flugticket. Was halten Sie davon?

Barnosky: Besser wäre doch, Fliegen CO2-neutral zu machen. Die Leute werden nie damit aufhören. Aber Flugzeuge können auch mit Biotreibstoff fliegen. Man müsste Anreize schaffen, um die Entwicklung umweltverträglicher Treibstoffe zu beschleunigen.

Fleischkonsum: ja oder nein?

Hadly: Ein Verbot würde helfen. Aber die Menschen brauchen Übergänge, sie können nicht auf kalten Entzug gehen. Fleischlose Tage wären gut. Der beste Rat ist, alles zu teilen. Wenn unsere Familie zu viert ausgeht, essen wir immer nur zwei Hauptmahlzeiten.

Ein Emissions-Rating auf alle Produkte?

Barnosky: Das müsste man gesetzlich festlegen. Wenn die Leute sehen, was ihr Konsum die Umwelt kostet, ändern sie vermutlich ihr Verhalten.

Der französische Autor Pierre Rabhi wäre da wohl skeptisch. Er hat das Problem einmal so formuliert: «Wenn der Löwe gefressen hat, ist ihm die Antilopenherde egal.» Wir hingegen essen, auch wenn wir gar keinen Hunger haben.

Barnosky: Manche schon und andere nicht. Das gehört einfach zum Menschsein.

1968 haben die Biologieprofessoren Paul und Anne Ehrlich prognostiziert, dass uns bis im Jahr 2000 das Essen ausgeht. Die beiden lagen vollkommen daneben.

Barnosky: Es wäre wunderbar, wenn auch wir falschliegen. Aber die Ehrlichs haben sich nur zeitlich getäuscht. Die Beobachtung, dass Millionen von Menschen verhungern werden, hat ein internationales Handeln bewirkt. Hochleistungspflanzen wurden entwickelt und in Drittweltländern verbreitet. Aber sogar der Architekt dieser «Grünen Revolution», Norman Borlaug, sagte, man habe die Dinge nicht verändert, sondern nur verschoben.

Sie ziehen unter anderem Parallelen zum Stamm der Anasazi, die vor rund 1000 Jahren im Südwesten Nordamerikas gelebt und sich am Ende einer langen Dürreperiode gegenseitig aufgegessen haben. Rechnen Sie auch mit dem Ende der Menschheit?

Barnosky: Ich sage nicht, die menschliche Rasse werde aussterben. Machen wir aber gleich weiter, ist ein Kollaps der Gesellschaft unausweichlich.

Wie viel Zeit haben wir noch: 20, 50 oder 100 Jahre?

Barnosky: Viel weniger als 50 Jahre. Und auch wenn wir die Probleme richtig angehen, kann man nicht einfach mit den Fingern schnippen. Die globale Erwärmung aufzuhalten, ist ein Prozess. Eine Generation wird es mindestens dauern, 25 Jahre sicher, bis wir Verbesserungen sehen. Es ist Zeit, in den Spiegel zu schauen und zu sagen: «Wir sind verantwortlich für das, was wir sind.»