Ist das zu radikal?

NZZ am Sonntag, 15. September 2020
Fotos von Extinction Rebellion
Erst gab es nur die Klimakinder, jetzt gibt es auch Extinction Rebellion. Die Organisation fordert die Gesellschaft zu zivilem Ungehorsam auf. Fragt sich, ob das gut geht.

Wer am Dienstagmittag am Limmatufer war, wähnte sich in einer ökologischen Katastrophe: Der Fluss war nicht seegrün oder moosgrün, nein, er war grotesk grün. Giftgrün. Radioaktiv grün. Manche verglichen die Szenerie mit «The Day After Tomorrow», diesem Endzeitfilm aus Hollywood. The day after tomorrow? Ist heute schon übermorgen? Die Katastrophe da?

Ja, glauben die Umweltaktivisten von Extinction Rebellion, was so viel bedeutet wie Rebellion gegen das Aussterben, kurz XR. Sie sind nicht so niedlich wie die Klimakinder mit ihren Greta-Zöpfen, die Schulschwänzen als höchste aller Grenzüberschreitungen sehen. Es ist noch kein Jahr her, seit XR in den englischen Cotswold Hills gegründet worden ist, inzwischen gilt sie als grösste Bewegung des zivilen Ungehorsams in Grossbritannien.

Und von da scheint sie sich fast so schnell auszubreiten wie die Brände im Amazonas. Nach eigenen Angaben ist Extinction Rebellion momentan in 59 Ländern vertreten. In der Schweiz gibt es in 14 Städten Gruppen, die in diesen Tagen mit einer «September-Tour» auf sich aufmerksam machen. Was vor dem Bundeshaus begann, soll mit Brückenblockaden in Lausanne enden. Am medienwirksamsten war bis anhin Zürich, wo sich die Aktivisten wie Leichen im toxisch anmutenden Wasser treiben liessen. Weil sie den «toxischen» Weltzustand nicht länger hinnehmen, wie sie in einer Mitteilung schreiben, «den drohenden Ökokollaps und das mögliche Aussterben der menschlichen Spezies». Sie fordern mehr. Und zwar jetzt. Mehr Wahrheit. Jetzt. Klimanotstand. Jetzt. Netto null. Nicht bis 2050. Sondern bis 2025. Wobei fordern auch Synonym für blockieren oder färben ist. Der verwendete Farbstoff Uranin ist zwar so harmlos wie Speisesalz. Trotzdem wird wegen Widerhandlungen gegen das Gewässerschutzgesetz ermittelt und geprüft, wer den Einsatz bezahlen muss. Es drohen Anzeigen, es könnte teuer werden. Lohnt sich das?

Kathrin Paschen, 46, IT-Fachfrau und Aktivistin von XR Zürich, sagt: «Ich möchte nicht ordnungswidrig handeln, aber ich muss. Weil politisch einfach nicht genug gegen den Klimawandel getan wird.» Rodan Bury, 30, Ergotherapeut und Koordinator von XR Schweiz, sagt: «Als Gesundheitsspezialist erachte ich es als Pflicht, uns und alle Lebewesen vor den katastrophalen Folgen der Klimakrise zu schützen.» Und Roger Hallam, 53, Biobauer, Soziologe und XR-Mitbegründer, schreibt im «Guardian»: «Die einzige Möglichkeit, uns vor dem Aussterben zu retten, ist massenhafter ziviler Ungehorsam – Tausende von Leuten, die Gesetze brechen und Regierungen zum Handeln zwingen.»

So pathetisch es klingen mag, man sollte XR nicht unterschätzen. Im April legte die Organisation eine Woche lang London lahm: Tausende haben Verkehrsknotenpunkte wie den Oxford Circus blockiert. Sie haben Skateboard-Rampen auf die Waterloo-Brücke geschleppt. Sie haben sich an Zugwaggons geklebt. Über 55 Busrouten mussten umgeleitet werden. Rund 1400 Protestler wurden verhaftet, eine halbe Million Menschen waren betroffen. Der Bürgermeister Sadiq Khan schaltete sich ein, der Klimanotstand wurde ausgerufen. Und die Schutzheilige Greta Thunberg gab ihren Segen.

Zuerst war nur von Klimastreiks zu hören, jetzt gibt Extinction Rebellion zu reden. Entstanden aus einem Gefühl der Ohnmacht. Die steigenden Temperaturen quasi in Echtzeit zu erleben, ohne wirklich etwas tun zu können, Unterschriften zu sammeln oder an den «Fridays for Future»-Demonstrationen mitzulaufen, während die Flugemissionen steigen, die Regenwälder brennen und der Mann im Weissen Haus eine Umweltschutzregulierung nach der anderen lockert. Kathrin Paschen kennt dieses Gefühl. Rodan Bury ebenso. Und Extinction Rebellion hat darauf eine klare Antwort: ziviler Ungehorsam. Aber kann das die richtige Antwort sein? Wie weit darf Protest gehen? Und führt er zum Erfolg?

Gesetz brechen, Recht schaffen

Widerstand liegt im Wesen von Protestbewegungen, manchmal auch das kalkulierte Brechen von Gesetzen, das moralisch legitimiert wird. Im Sinne des Philosophen Henry David Thoreau, der 1849 schrieb: «Wenn das Gesetz so beschaffen ist, dass es dich zwingt, einem anderen Unrecht anzutun, dann sage ich, brich das Gesetz.»

Grosse gesellschaftliche Veränderungen sind auch über zivilen Ungehorsam erkämpft worden, in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung zum Beispiel oder bei der Unabhängigkeitsbewegung in Indien. Dabei ist Ungehorsam immer nur eine von vielen Protestformen. Eine aber, die am meisten über einen Konflikt aussagt. Wie in der Klimabewegung, die es lange vor Greta gegeben hat, aber von der Politik zu lange ignoriert wurde. So glauben XR-Aktivisten, die Dringlichkeit ihres Anliegens mit unorthodoxen Methoden sichtbar machen zu müssen.

Das hat in der Umweltbewegung schon lange Tradition. Ebenso der zivile Ungehorsam. Die Methoden sind immer wieder ähnlich. Greenpeace zum Beispiel hat letzten Sommer Berlin gelb eingefärbt. Unter dem Motto «Sonne statt Kohle» kippten die Naturschützer 3500 Liter gelbe Farbe auf die Strassen um die Berliner Siegessäule. Die Asphaltsonne setzte den gesamten Verkehr ausser Gefecht. Während Greenpeace solche Aktionen einfach durchführt, ruft Extinction Rebellion zum Mitmachen auf. Sie bringt bis anhin unauffälligen Bürgern in Workshops bei, wie sie sich bei Sitzblockaden oder Polizeibefragungen verhalten müssen. Menschen wie die Zürcherin Kathrin Paschen, die sich als ängstlich bezeichnet und fast flüsternd spricht, aber trotzdem bei der Flussfärbeaktion mitgemacht hat. Oder Rodan Bury, der vor seinem Leben als Koordinator von XR Schweiz noch nie für irgendetwas demonstriert hat. Im Juni ist er von Lausanne nach London gereist, um mit XR-Aktivisten die Eingänge der grössten Londoner Betonfirma zu besetzen und dabei verhaftet zu werden.

Sicher wäre es falsch, Extinction Rebellion als Chaotenhaufen zu bezeichnen. Roger Hallam, der für die Organisation so etwas ist wie Greta Thunberg für die streikenden Schüler, hat Widerstandsbewegungen studiert: was sie erfolgreich macht und woran sie scheitern. Auch in seinem Buch bezieht er sich unter anderem auf Erica Chenoweth. Die Politikwissenschafterin hat in der Studie «Why Civil Resistance Works» analysiert, wie Regierungen zu Fall gebracht und sogar Diktatoren gestürzt werden: mit Widerstand, aber nur wenn er gewaltfrei ist. Dann sind Bewegungen doppelt so erfolgreich. Weil mehr Menschen mitmachen können, die physische und moralische Hemmschwelle niedriger ist. An den XR-Protesten sind auffallend viele Familien oder Rentner dabei. Und je mehr Leute, desto schneller ist man bei den 3,5 Prozent der Bevölkerung, die laut Chenoweth mobilisiert werden müssen, um genug Druck auf die Politik auszuüben.

Sorry für die Störung

So ruft Extinction Rebellion auf der Website explizit zu gewaltfreiem Ungehorsam auf – um sich ein paar Sätze später präventiv dafür zu entschuldigen: «Alle Unannehmlichkeiten, die wir verursachen, tun uns leid.» Physischer Schaden: No-Go; Sachbeschädigung: zu vermeiden. Wird eine Fassade beschmiert, muss die Farbe abwaschbar sein. Soll eine Brücke blockiert werden, wird die Polizei vorher informiert. Es muss unangenehm sein, aber nur ein bisschen. Ungehorsam für Gehorsame, könnte man sagen. Es ist ein schmaler Grat, zumal auch der Begriff «gewaltfrei» relativ ist. Ein Taxifahrer zum Beispiel, der von Blockaden tagelang behindert wird, kann auch einen Lohnausfall als Gewalt empfinden. «Wir wünschten, das wäre nicht nötig», heisst es auf der XR-Website. «Aber wir werden alle leiden, weil die Politik gegen den Klimakollaps zu wenig unternimmt.»

Nur auf eine Frage hat niemand eine Antwort: Was, wenn XR von Gruppen unterwandert wird, die zivilen Ungehorsam anders verstehen? Öko-Terrorist Marco Camenisch verübte Sprengstoffanschläge. Militante Tierschützer zündeten die Jagdhütte von Novartis-Chef Daniel Vasella an.

Man kann es Radikalisierung der Klima­bewegung nennen oder Mainstreamisierung des Radikalen. Die Frage ist, wie viel Ungehorsam ist zu viel. Nie wurde sie heftiger diskutiert als jetzt: Am Donnerstag ist Roger Hallam verhaftet worden. Weil er den Betrieb am Londoner Flughafen Heathrow mit Spielzeugdrohnen lahmlegen wollte. Als Protest gegen den geplanten Ausbau. Extinction Rebellion hat sich schon vor Wochen öffentlich von der unabhängigen Aktion «Heathrow Pause» distanziert. Hallam hingegen lacht bei der Verhaftung in die Kameras, steigt in den Polizeiwagen und sagt: «Was immer es braucht.»