Oh Canada

NZZ am Sonntag, 20. November 2016
Fotos von Bruno Augsburger
Nach Trumps Wahl brach die Website der kanadischen Einwanderungsbehörde zusammen, weil so viele Amerikaner in den Norden auswandern wollen. 50 Gründe, warum sie tatsächlich ernst machen sollten.

Die grösste Hoffnung des Kontinents: Anti-Trump Justin Trudeau. Der Premierminister empfängt syrische Flüchtlinge am Flughafen, treibt das Pariser Klimaabkommen voran und besetzt die Hälfte seines Kabinetts mit Frauen.

Seen, Wälder, Berge, Seen, Wälder, Berge – schöner wird es nicht mehr.

«Was sagt ein Kanadier, wenn du ihm auf den Fuss trittst? – Entschuldigung!»

Schon Jack Kerouac, Autor der Hipsterbibel «Unterwegs» und uramerikanischer Roadtrip-Poet, besann sich lieber auf seine kanadischen Wurzeln: «Wenn ich wütend bin, fluche ich oft auf Französisch. Wenn ich träume, dann träume ich oft auf Französisch, wenn ich weine, dann weine ich immer auf Französisch.»

Vancouver, das New York von morgen.

Ahornsirup.

Platz für grosse Ideen und den American Dream: Kanada ist nach Russland der zweitgrösste Staat. Auf einem Quadratkilometer leben im Schnitt 3,6 Menschen, in den USA 35.»

Das journalistische Genre der Elch-Nachrichten und andere Schlagzeilen wie «Dieb flieht in Kanu» oder «Wahnsinniger Biber terrorisiert ganze Stadt».

Willkommenskultur «canadian style» I: Trump-Flüchtlingen wird der Abschied mit dieser Website erleichtert: cbiftrumpwins.com.

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Der Yukon, die letzte Bastion der Goldgräber und Abenteurer. Jack London hat nur ein paar Monate im Nordwesten des Landes verbracht und mit «Call of the Wild» das berühmteste Buch zur Sehnsucht geliefert.

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Am Ende von jedem Satz ein kanadisches «Eh» bringt den Weltzustand immer auf den Punkt. Übersetzung frei nach Betonung: «Gell!», «Was?» oder «Geht’s noch?».

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Ortsnamenpoesie von Whitehorse über Saskatoon bis zu Inuvik.

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Beitrag zur globalen Toleranz: 80 Prozent der Kanadier stehen Homosexualität offen gegenüber.

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Weisse Schwarzbären, die es nur im «Great Bear Rainforest» gibt.

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Alice Munro, Literaturnobelpreisträgerin und Meisterin der Kurzgeschichten aus der Provinz, die für die ganze Welt gelten.

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Betrunkene Wälder. Im hohen Norden sind die Böden fast permanent gefroren. Tauen sie im Sommer vorübergehend auf, sinken die Wurzeln ab, und die Bäume stehen wie besoffen in der Landschaft.

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Während Waffen in den USA zu den ganz normalen Haushaltsgegenständen zählen, werden nördlich der Grenze nicht einmal die Haustüren abgeschlossen. Siehe Michael Moores Dokumentarfilm «Bowling for Columbine».

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Ginger Ale – die Mutter aller Wurzelgetränke.

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Die Errungenschaft einer Krankenversicherung.

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Zwei Sprachen, ein weiter Horizont und ein Französisch, das nach Kartoffel im Mund klingt.

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Tyler Brûlé. Der Medienunternehmer, Designer und Stil-Guru rettet die Welt vor dem Online-Wahnsinn und vor dem Ende des guten Geschmacks.

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Die Tatsache, dass man sogar als Morchelsammler Karriere machen kann.

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Die Vision einer friedlicheren und grüneren Welt, die ein paar Aktivisten 1971 gegen US-Atomwaffentests protestieren liess – die Begründer von Greenpeace.

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Nie standen die Chancen besser, mit dem eigenen Bed & Breakfast den Lebensunterhalt bestreiten zu können: Laut «Lonely Planet» wird Kanada das Nummer-eins-Reiseland 2017.

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«Was ist ein kultivierter Amerikaner? Ein Kanadier.»

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Lieber mindestens 17 Wochen bezahlten Mutterschaftsurlaub als gar keinen.

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Das Blockhaus. Die architektonische Antwort aus den Wäldern.

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Bildung ist für alle zu haben und im internationalen Vergleich auf sehr hohem Niveau: In der Pisa-Studie der OECD-Länder schaffen es die kanadischen Schüler auf Platz 13, während die aus den USA den 36. Platz belegen.

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Die Luft riecht nach Meer, Moos oder Tannennadeln.

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Eishockey. Und sogar Basketball ist eine kanadische Erfindung.

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Nebst Bodenschätzen wie Öl oder Gas verfügt Kanada über die grössten Wasserreserven der Welt. Ein Milliarden-Business.

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Willkommenskultur «canadian style» II: Das Dorf Whycocomagh bietet Trump-Flüchtlingen nicht nur einen Job, sondern auch noch Land, um ein Haus zu bauen.

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Haida Gwaii alias The Queen Charlotte Islands oder die schönsten Inseln der Welt.

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Ryan Gosling. Die Verkörperung des kanadischen Sex-Appeals.

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In Zeiten des Klimawandels nicht zu unterschätzen: Es ist immer schön kühl.

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An der Gleichstellung der indigenen Bevölkerung muss zwar noch gearbeitet werden, die Bemühungen sind offensichtlich da: In der Provinz Nova Scotia hat ein Indianerhäuptling vom Staat einmal mehr Lohn bekommen als der Premierminister.

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Menschen, die Schweizer nicht für Schweden halten.

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Ordnungshüter, die für Stil statt Polizeigewalt bekannt sind: Die Mounties (Royal Canadian Mounted Police).

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Der Wonderbra und der Glaube an «Exaggerate it, til you feel it!»

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Keine Restaurants, in denen einem ungefragt die Rechnung gebracht wird.

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Klimaschutz-Visionärin Naomi Klein treibt in Toronto die Bewegung «This Changes Everything» voran.

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Menschlichkeit. Seit 1976 gibt es im ganzen Land die Todesstrafe nicht mehr, zum letzten Mal wurde 1962 jemand hingerichtet.

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Immer wieder ein Aufsteller: die fiesen Waschbären, die im Stanley Park von Vancouver die ahnungslosen Touristen in Angst und Schrecken versetzen.

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Nur die beste Gesellschaft für Justin Bieber: Sängerin Miley Cyrus treibt den Massenexodus der amerikanischen Stars voran, auch Schauspieler wie Breaking-Bad-Bösewicht Bryan Cranston oder Rapper Snoop Dog wollen übersiedeln.

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Absolut psychedelisch. Die Farben im Indian Summer.

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Die schönsten Seelenwärmer aller Zeiten: von Joni Mitchells «Case of You» zu Neil Youngs «Helpless» bis zu Leonard Cohens «Halleluja». Überhaupt Cohen – der unsterbliche kanadische Songpoet.

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Und noch so eine Twitter-Nachricht von Donald Trump: «Hey Kanada. Ihr bekommt auch eine Mauer, ihr Schneemexikaner.»

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Bloody Caesar statt Bloody Mary mit Clamato- statt mit ordinärem Tomatensaft und viel, viel Wodka.

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Der Glaube, dass am Ende doch noch das Gute gewinnt. Dank Superman-Miterfinder Joe Shuster.

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Auf der Weltrangliste der friedlichsten Länder belegt Kanada den achten Platz. Peace!