Rückzug!

Die Schweiz sollte aufhören, entlegenste Gebirgstäler am Leben erhalten zu wollen. Wo Rettungsversuche für strukturschwache Regionen nicht mehr greifen, könnte man Platz schaffen für echte Wildnis.

Es ist ein kruder Plan, den die Münstertaler da haben. Noch ein Skidorf in die Alpenlandschaft bauen. Aber nur, wenn daneben auch noch eine Gondelbahn zu stehen kommt. Mitsamt Beschneiungsanlage und Speichersee, als gäbe es in diesem Bündner Südtal weder Klimawandel noch Krise, als hätte die Zukunft des Skifahrens gerade begonnen.

Dabei könnten sie ihre maroden Lifte auch einfach abbauen und die Pisten renaturieren, Büsche wachsen lassen und bis zur Waldgrenze Bäume. Kosten würde das nicht viel, wenn das tote Holz später liegenbleibt und die Natur sich bis auf ein paar Wanderwege selbst entwickeln kann – zu einem schönen Urwald.

Dass Skifahren schwer zu verkaufen ist, hat man schon vielerorts gemerkt. Am Gschwender Horn im Allgäu wurden anstelle der alten Anlagen sogar Bäume gepflanzt – eine radikale Entscheidung gegen die überholte Gleichung «mehr Liftanlagen gleich mehr Tourismus». Für mehr Stille, mehr Natur. Jetzt kommen Touristen, die im Schnee lieber einem Reh begegnen.

Die Münstertaler hingegen wollen ein Skidorf. Obwohl bestehende Skigebiete wie Savognin oder Andermatt schon Monate vor Saisonbeginn mit Dumping-Preisen um Kunden kämpfen. Obwohl es auch mit ihrem Tourismus so steil bergab geht wie die Strasse vom Ofenpass nach Tschierv, dem ersten Dorf am Taleingang, einer trostlosen Ansammlung von Häusern am Strassenrand. Hier sollen 130 neue Wohnungen und 520 Hotelbetten entstehen, während die Hälfte der Gastbetriebe im Tal jetzt schon vor dem Aus steht. So gesehen, ist das Projekt fast eine Provokation. Mit Sicherheit eine Idee gesetzter Generationen. Oder schlicht: Luxus.

Regionalentwickler bezeichnen das Münstertal als peripheren oder potenzialarmen Raum. Peripher, weil er am Ende der Schweiz liegt, im südöstlichsten Zipfel des Kantons Graubünden, hinter dem Ofenpass. 2149 Meter hoch ist diese Mauer von Berg, die das Tal von Zernez im Engadin und vom Rest des Landes trennt. Dazwischen liegt eine Landschaft, in der die Schweiz aussieht wie Kanada, wild und unberührt.

Daher auch die nächste Zuschreibung: potenzialarm. Synonym für ein Phänomen, das in den Bergregionen so symptomatisch ist wie das Schmelzen der Gletscher: schwaches Wachstum, Abwanderung, Überalterung, Stillstand. Die Touristen brausen das Tal hinab, ohne Halt Richtung Südtirol, Tschierv, Valchava, Lü, Fuldera, Santa Maria, Müstair, vorbei an Häusern und Hotels mit «Zu verkaufen»-Schildern an den Fassaden und dunklen Fensteraugen, die sagen, hier gibt es nichts mehr zu holen.

Es sind Schrumpfungsprozesse, die im Schweizer Alpenraum ebenso stattfinden wie in den entlegenen Regionen Frankreichs oder Italiens. Im Sog der Städte entleeren sich ganze Landstriche. Deutschland hat seit 2002 rund 2,7 Milliarden Euro für den Rückbau ostdeutscher Städte ausgegeben. Hierzulande sind es vor allem Forscher, die fragen: Was tun, wo alles stillsteht?

Anhaltende Tabuisierung

Zum Beispiel Stefan Forster, Wirtschaftsgeograf an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, spezialisiert auf den Kanton Graubünden. Einer, der sich nicht scheut, die anhaltende Tabuisierung des Themas zu kritisieren: 2006 publizierte das Bündner Amt für Wirtschaft und Tourismus die Analyse «Potenzialarme Räume Graubünden». Mit dieser Standortbestimmung ging der Bergkanton das Schrumpfungsproblem als Pionier an. «In den Medien gab es jedoch einen Aufschrei», sagt Forster, «die Gemeindepräsidenten waren empört, und damit war die Debatte wieder gestorben.»

Das hat mit der Schonungslosigkeit zu tun, um die so ein Bericht nicht herumkommt: Grau werden die «eher kritischen» Gebiete auf der Kantonslandkarte markiert, in denen Schrumpfungsprozesse mit vertretbarem Aufwand aufgehalten werden können, orange diejenigen, in denen eine Trendumkehr «kaum möglich» ist. Auch das Val Müstair ist orange gefleckt, Tschierv wird als eines der 22 aussterbenden Dörfer Graubündens gelistet.

In sechs Dörfern der Gemeinde Val Müstair wohnen 1500 Menschen, auf einer Fläche, die fast so gross ist wie der Kanton Zug.

Die erste Analyse ist mehr als zehn Jahre alt. Verändert hat sich nicht viel. Wozu auch? Mit dem Thema lassen sich keine Wähler gewinnen, und solange alles wie bis anhin funktioniert, ist die Lage im Münstertal auch nicht kritisch, obwohl die Abwärtsspirale in vollem Gange ist: Seit 2005 sind rund 200 Einwohner fortgezogen. In den sechs Dörfern der Gemeinde Val Müstair wohnen 1500 Menschen, auf einer Fläche, die fast so gross ist wie der Kanton Zug. Bis 2040 rechnet man mit einem weiteren Bevölkerungsrückgang von 20 Prozent.

Aber ist das nur schlimm? Oder anders gefragt: Kann diese Entleerung nicht auch ein Potenzial sein? Darf man das Münstertal nicht einmal anders denken?

Statt noch eine Gondelbahn und noch ein Skidorf zu bauen, könnten die Münstertaler das Bauland auch der Natur überlassen. Ebenso die Ferienblöcke daneben, deren Fensterläden ohnehin geschlossen sind. Not Vital würde wohl auch die im Boden verschwinden lassen. Mit seinem versenkbaren Haus in Sent erinnert der Engadiner Künstler an eine Berglandschaft, die noch nicht voller Zweitwohnungen war, Jahrzehnte bevor eine Mehrheit der Schweizer fand: Es reicht.

Lange hat der Bau von Ferienwohnungen Wohlstand gebracht, aber auch die Zerstörung von Ortsbildern, Landschaften und damit des touristischen Kapitals. Im Gegensatz zu Müstair am anderen Talende wirkt Tschierv wie hingeworfen, ohne Seele, ohne Zentrum. Würde man Architektursünden zurückbauen wie in schrumpfenden Gemeinden Ostdeutschlands, käme der alte Ortsteil am Hang wieder zur Geltung, wo die Häuser aussehen wie im Schellenursli-Film. Jetzt drücken Durch­reisende schon aufs Gas, wenn sie die vergilbten Schilder des ersten Restaurants sehen, wo Murmeltiere auf den heissen Stein kommen, bloss weg hier.

Eine Schule gibt es in Tschierv schon lange nicht mehr. Hinter ihren Fassaden versteckt sich jetzt das sogenannte Center da Biosfera. Biosfera? Das Val Müstair ist auch ein «Regionaler Naturpark», der mit dem Schweizer Nationalpark und der Engadiner Gemeinde Scuol ein Biosphärenreservat der Unesco bildet. Und, zusammen mit dem italienischen Nationalpark Stilfserjoch, das grösste zusammenhängende Schutzgebiet der Alpen

Wäre Graubünden in den USA und die Biosfera Teil des National Park Service, würde diese Tatsache als Sensation vermarket. Es gäbe Outdoor-Läden oder Vorträge über den Tannenhäher, diesen lustigen Vogel, der für das Weiterbestehen der Arvenwälder sorgt. Das Auffälligste in Tschierv ist jedoch ein Motorrad auf einer Fahnenstange – ein Willkommen an alle Biker, die den Ofenpass herunterfahren und vielleicht, hoffentlich, erst nach einer Pause im Hotel Al Rom wieder den Umbrail hinauf.

«Wir brauchen hier keine Projekte, um zu zählen, wie viele Haare die Schnecken im Tal haben.»

Nach sieben Jahren und derzeit 1,4 Fördermillionen jährlich ist die Bilanz des Naturparks düster: miserables Marketing, vier Geschäftsführer innert vier Jahren und eine ehemalige Park-Direktorin, die Sätze sagt wie: «Wir brauchen hier keine Projekte, um zu zählen, wie viele Haare die Schnecken im Tal haben.» Es ist eine Haltung, hinter der sich Geschichten von Einheimischen verbergen, die Fleisch aus dem Ausland zu Biosfera-Würsten verarbeiten oder beim Biosfera-­Frühstück Zutaten von irgendwo servieren.

Natürlich dienen solche Park-Labels vor allem der Wertschöpfung. Trotzdem darf man auf ein gewisses Naturbekenntnis vertrauen. Zu einer Erweiterung des Nationalparks haben die Münstertaler ebenso Nein gesagt wie acht Gemeinden zum Nationalpark-Projekt Adula letzten November. Natur, die nicht genutzt, beackert, beweidet wird, ist generell suspekt und der Begriff Wildnis ein Synonym für Verbuschung, Verwaldung – Ende.

Lange wurden Berglandschaften gerastert, unterteilt in Alpen, Weiden und Forst. Daran ändert auch die Tatsache wenig, dass für ihre Erhaltung ein immer groteskerer Aufwand betrieben werden muss. Täler entleeren sich, Alpen verwildern. Gegen die Rückkehr der Natur wird etwa mit Ziegen und Schafen angekämpft, die gegen die Verbuschung anfressen. Oder mit sogenannten Meliorationsstrassen für schwere Maschinen, die von Kleinstbetrieben in entlegenen Tälern gebaut werden und wie in St. Martin oder anderen Bündner Gemeinden schnell einmal eine Million pro Hof verschlingen.

Was gewesen ist, heisst es, muss bleiben. Erhalt der Kulturlandschaft. Dabei hat es immer wieder Phasen der Verwaldung und des Rückzugs gegeben, nach dem Zerfall des Römerreichs zum Beispiel oder zu Beginn der Kleinen Eiszeit. Heute scheint nichts so bedrohlich wie ein Mehr an Wald. Es passt nicht ins Landschaftsideal. Natur soll wie ein Einfamilienhaus-Garten sein, gestutzt und gepflegt, eine Mischung aus Park, Weide und Acker, während vor der eigenen Haustüre nichts abgeholzt werden darf, unter keinen Umständen.

Wald als Schutz

Das stärkste Argument gegen die sogenannte Vergandung ist, dass sie den Boden instabiler macht. Dabei ist das gemäss Josef Senn, Biologe an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL, nur an ganz steilen Hängen der Fall, also sehr selten. Und das auch nur vorübergehend: Auf langen Gräsern kann Schnee leichter abrutschen. Sobald die ersten Bäume da sind und mit der Zeit der Wald, bildet dies den besten Schutz.

Was es noch dringender braucht, ist weniger CO2 in der Luft. Bäume absorbieren es und helfen damit, den Klimawandel aufzuhalten. Die Isländer betreiben einen grossen Aufwand, um wieder ein bisschen von dem Wald zu bekommen, der einst einen Viertel der Insel ausmachte. Es gibt NGO, die zur Rettung des Planeten Bäume pflanzen. Würde man mehr Täler verwildern lassen oder zumindest Teile davon, wäre die Welt ein bisschen besser.

Das ist natürlich provokativ. Und hochfliegend wie jede Vision. Vieles wird sich lange nicht umsetzen lassen, und solange alles wie bis anhin funktioniert, vermutlich gar nie. Nur schon dem Abbau der Skianlagen wird im Münstertal mit Entsetzen begegnet: «Wir stehen nicht am Anfang vom Ende, sondern am Anfang eines Neubeginns», sagt Rico Lamprecht, Gemeindepräsident im Val Müstair. Aber auch ihm erschliesst sich nicht, wie sich ein neues Skigebiet mit Kunstschnee in die Philosophie des Naturparks einreiht, geschweige denn, wer ausgerechnet an den paar Liften im Münstertal Ski fahren soll. Der Biobauer, der vor allem den Naturpark «zum Fliegen bringen» möchte, steht trotzdem hinter dem Projekt seiner Vorgänger. Jetzt arbeitet er einen «Masterplan» für die Zukunft aus. Partieller Rückbau ist darin kein Thema und Schrumpfung schon gar nicht. «Wer den Ofenpass herunterkommt und sich nicht in dieses Tal verliebt, ist selber schuld.»

Millionen für Randregionen

In kaum einem Land lässt man sich die Förderung der Randregionen so viel kosten wie in der Schweiz, wo über 70 Prozent der Bevölkerung in Städten oder Agglomerationen leben. Teile des Berggebiets, das gut die Hälfte der Landesfläche umfasst, kämpfen schon lange mit schwachem Wachstum und Abwanderung. In Standort-Rankings belegen Gebirgskantone oft die hinteren Ränge. Seit Jahrzehnten fördert der Bund ihre Entwicklung. Unter anderem durch die Neue Regionalpolitik (NRP). Für die Förderperiode von 2016 bis 2019 stehen für die Berg- und Randregionen 400 Millionen Darlehen zur Verfügung und 198 Millionen à fonds perdu. Dazu kommen landwirtschaftliche Unterstützungen, Beträge aus dem Finanzausgleich oder für den Verkehr, Forst oder Pärke.

Nur haben mehr als 40 Jahre Subventionen die räumlichen Unterschiede nicht aufgehoben. In Zeiten von Frankenschock oder Klimawandel greifen alte Rezepte nicht mehr, und Ungleichheiten werden immer grösser. Einen «Abschied vom Giess­kannenprinzip» fordern auch Ökonomen wie Daniel Müller-Jentsch von Avenir Suisse. Er hat eine Studie zum Strukturwandel in Berggebieten verfasst, in der Strategien zur Erschliessung neuer Wertschöpfungsquellen entwickelt werden. Sein Fazit: zu wenig innovative Ansätze, zu viel «Strukturpolitik über Beton».

Im Walliser Mattertal zum Beispiel ist für 160 Millionen Franken ein Tunnel gebaut worden, während die historischen Ortskerne verfallen. Im Bündner Prättigau sind 750 Millionen in drei Ortsumfahrungen geflossen, während ein Bildungscampus in Chur seit Jahren in der Warteschlaufe hängt. Für Müller-Jentsch ist klar: «Die begrenzten Ressourcen müssen dorthin gelenkt werden, wo Wachstumskräfte wirklich stimuliert werden können.» Und: «Ein blindes Ansubventionieren gegen den Schrumpfungsprozess ist teuer und wirkungslos.»

Das Phänomen ist vergleichbar mit Menschen im Koma, die am Leben erhalten werden und die Angehörigen mit Fragen konfrontieren, auf die es keine richtigen Antworten gibt: Maschinen an- oder abstellen? Es geht um Schicksale von Kindern und Eltern, Ehefrauen und Ehemännern, Kollegen und Freunden. Es geht aber auch um alle, die glauben, Bescheid zu wissen, Oberländer, Unterländer, sozusagen jeder.

In den Alpen ist unsere Nation entstanden. Das Epizentrum des Schweizer Selbstverständnisses bildet die Rütliwiese. Der Bergler ist Symbol für den Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit.

Kaum ein Thema wird in diesem Land so emotional diskutiert wie die Bergwelt. Als ein Team von ETH Studio Basel 2005 den Begriff alpine Brachen erfand, ging ein Erdbeben der Empörung durch das Land. Das ist historisch bedingt, wie Gilles Rudaz und Bernard Debarbieux in ihrem Buch «Die schweizerischen Berggebiete in der Politik» schreiben: In den Alpen ist unsere Nation entstanden. Das Epizentrum des Schweizer Selbstverständnisses bildet die Rütliwiese. Der Bergler ist Symbol für den Kampf um Freiheit und Unabhängigkeit. Im Reduit finden wir Schutz vor Feinden und das Gefühl von Heimat. Die Gebirgszüge sind das Rückgrat des Kollektivs. Das, was uns im Innersten zusammenhält. Und so ist die Unterstützung ihrer Bewohner auch eine patriotische Mission.

Das Wirtschaftsforum Graubünden hat in einer Studie zur Leistungsfähigkeit des Kantons alle Finanzflüsse zwischen dem Bund, dem Kanton Graubünden und seinen Gebieten für das Jahr 2010 untersucht. Gemäss diesen Schätzungen werden in Graubünden pro Jahr rund 4,4 Milliarden Franken an öffentlichen Geldern ausgegeben. Dabei bezieht der Kanton rund 520 Millionen mehr vom Bund, als er in Form von Steuern oder anderen Abgaben an diesen zurückfliessen lässt. Im Münstertal werden 39 Millionen umgesetzt, dabei bezieht das Gebiet jährlich rund 12 Millionen mehr an öffentlichen Transfers, als zurück an Bund und Kanton gehen. Damit ist das Val Müstair im Vergleich zu anderen Gebieten überhaupt kein Extremfall.

Es gibt aber kein anderes Tal, das es unter die Potenzialärmsten schafft, obwohl es so viel Potenzial hat: Die Münstertaler haben keinen ikonischen Zacken wie die Zermatter und auch keinen Ötzi wie die Südtiroler. Dafür haben sie die Nähe zum Nationalpark, dem einzigen der Schweiz. Den Naturpark. Das Label der Unesco. Das Kloster St. Johann in Müstair, Unesco-Welterbe. Die Nähe zum Südtirol mit einem boomenden Tourismus, in dem das Preisniveau teilweise höher ist als in München. Grenzgänger, die im Tal arbeiten und das Geld im Südtirol ausgeben, mögen zwar ein Problem sein. Daniel Müller-Jentsch hingegen sieht darin eine von vielen Möglichkeiten, «an Wachstumsmotoren anzudocken». Er sagt: «Peripher ist das Val Müstair nur aus Schweizer Sicht.»

Der Ökonom empfiehlt den Münstertalern, was er allen empfiehlt: Profil schärfen, Kräfte bündeln, auf Stärken fokussieren und die Zweitwohnungsbesitzer einbinden. Das bedeutet aber auch, nicht in Tschierv ein Schwimmbad zu bauen, auf 1660 Metern, sondern dort, wo es Sinn ergibt und wo sich das Leben ohnehin abspielt, im südlichen Müstair, auf 1273 Metern.

Hier Natur, da Wachstum

Es klingt natürlich einfacher, als es ist: oben Natur, unten Wachstum. Oben eine Erweiterung des Nationalparks, unten eine volle Unterstützung der Philosophie. Läge das Center da Bio­sfera neben dem Kloster in Müstair, das jährlich 100 000 Besucher anzieht, wären die Touristen vermutlich leichter für einen Ausflug in den Park zu begeistern. Zudem könnte in der Klosteranlage, in dem nur noch wenige Nonnen leben, ein Klosterleben light angeboten werden, als Sabbatical für Burnout-gefährdete Städter. Die wiederum würden mehr von dem ins Tal bringen, was Müller-Jentsch «Akteurskompetenz» nennt, qualifizierte Leute mit guten Ideen, die später vielleicht eine Zweitwohnung kaufen oder sich gar permanent niederlassen. Wie etwa die Ouredniks, zwei ehemalige Professoren, die am Sonnenhang von Lü ein Astrovillage gebaut haben und den Nachthimmel als «Dark Sky Reserve» vermarkten wollen. In Zeiten, in denen Lichtverschmutzung als gesellschaftliches Problem gilt, könnte das durchaus Teil der Park­strategie sein. Nur streiten sich die Einheimischen mit den Zugewan­derten vor allem um Geld.

Was aber ist mit den Tälern, die nicht den Luxus haben, darüber zu sinnieren, ob sie ihren Park Biosfera oder Parc da Natüra nennen? Was ist mit dem Turtmanntal im Wallis, das ohnehin schon die Hälfte des Jahres geschlossen ist, oder dem Urner Meiental, in dem nur noch wenige Menschen leben?

«Wenn die Bergbevölkerung ihre Täler verlässt, könnte das gesamte soziopolitische (Selbst-)Verständnis der Schweiz ins Wanken geraten», beschreiben Gilles Rudaz und Bernard Debarbieux das politische Klima schon im Jahr 1941. Dabei geschieht das seit langem. Und der Wald wächst. Nach Angaben des Landesforstinventars vor allem in der Region Alpen-Mitte oder auf der Südseite, wo die Fläche in den letzten 30 Jahren um bis zu 28 Prozent zugenommen hat. In Teilen des Onsernone-Tals zum Beispiel oder im Lodrino, wo die Menschen ein entspannteres Verhältnis zur Wildnis haben. Passiert ist nicht viel. Ausser dass man eine Menge gespart hat. Und jetzt die Wildnis-Touristen kommen.