Schäm dich!

NZZ am Sonntag, 1. Dezember 2019
Flugscham, Fleischscham, Kaufscham: 2019 war das Jahr der kollektiven Entblössung. Aber kann Scham die Welt wirklich verändern? Über die politische Kraft eines ungeliebten Gefühls.

Illustration von Patrick Oberholzer

Schämen Sie sich? Ja, vielleicht, ein bisschen? Dann machen Sie sich vorerst nicht allzu viele Sorgen. Nein, schön ist das zwar nicht, aber in Mode. Scham lauert heute überall. Scham ist das Gefühl unserer Zeit.

Wobei Scham nicht gleich Scham ist. Es gibt inzwischen zahlreiche Wortschöpfungen für das Empfinden, das klimaschädliches Verhalten begleitet. Flugscham allein wurde seit letztem November in 1010 Artikeln der Schweizer Mediendatenbank erwähnt. Aber man muss doch auch an die Kreuzfahrtscham denken. Fahrscham ist ja schon lange eine Art Bürgerpflicht. Ebenso die Plastikscham. Auch Essenbestellscham wird bereits gefordert, schliesslich türmen sich mit den Lieferungen unsere Müllberge. Überhaupt Essen: Fleischscham! Fast-Food-Scham! Importobstscham! Käsescham! Avocadoscham! Uiuiuiuiui!

Im Begriffsarchiv von «Bedeutung online» gibt es zwanzig Schamvariationen. Der H&M-Chef warnt vor den Folgen der Konsumscham. Und die Mitglieder von Birthstrike, der Gebärstreik-Bewegung, geben der schmerzvollsten aller Schamformen, der Kindscham, keine Chance: Sie setzen keine kleinen Klimaschädlinge mehr in die Welt.

Vieles, was einmal schön war, erstrebenswert oder einfach normal, ist irgendwie problematisch. Das nervt. Roland Tichy zum Beispiel, den Herausgeber des liberal-konservativen Meinungsportals «Tichys Einblick». «Jo schämst du dich gar nicht?», fragt er in einem Satire-Video, als der Moderator Achim Winter in eine Wurst beissen will. Winter antwortet: «Wieso denn? Lass mir mal mein Würstel!» Tichy: «Das kannst du auf dem Balkon draussen essen!» Winter: «Warum denn? Bist du verrückt geworden?» Tichy: «Mit dieser Wurst isst du ein Stück Klima, Weltklima!» Winter: «Ach du lieber Gott, ich liebe diese Würstchen.» Als Pointe beschliessen die beiden, dass der Menschheit jetzt nur noch eines helfen kann: bei den Grünen beichten oder ein Ave-Greta beten.

Ist diese Schamwelle überbordende Lust- und Lebensfreudefeindlichkeit, die laut Tichy aus «jeder Nachrichtensendung tropft wie vergammeltes Obst»? Oder haben wir es tatsächlich mit einem Gefühl zu tun, das die Welt retten kann? Die kurze Antwort lautet: Mehr denn je. Scham war nie mächtiger. Im Mittelalter gab es den Pranger. Heute gibt es das Internet. Beschämen ist in den sozialen Netzwerken einfacher, schneller, unkontrollier­barer, verbreiteter, lang­lebiger, wirkungs­voller. Kurz: grausamer.

Die längere Antwort beginnt bei dem fiesenGefühl, das jeder kennt. Man möchte unsichtbar werden, stattdessen glühen die Wangen schweinchenrosa bis feuerrot, in jedem Fall schamrot. Schwierig. Zumal das nur passiert, wenn wir gegen Regeln verstossen, auf die sich die Gesellschaft verbindlich geeinigt hat. Und dabei gesehen werden. Das ist das Wesen der Scham. Im Gegensatz zur Schuld braucht sie Publikum oder schlicht dieVorstellung, in der eigenen Fehlbarkeit entblösst zu werden.

Scham kann wehtun. Dennoch nimmt der Psychiater Daniel Hell das ungeliebte Gefühl in Schutz. Er hat ein Buch mit dem Titel «Lob der Scham» geschrieben. Darin betont er, dass die Natur uns nicht vergeblich mit diesem Gefühl ausge­stattet hat. Während die Angst uns auf äussere Gefahren aufmerksam macht, warnt Scham vor inneren oder zwischenmenschlichen Risiken. Sie fördert die Entwicklung und das Zusammenleben, das wiederum auf Normen basiert. Kulturspezifischen Normen. Was hier als normal gilt, kann anderswo skandalös sein. In den USA zum Beispiel war die Affäre um Monica Lewinsky ein Politikum. In Moskau hingegen sagte ein Rentner zur Autorin Elif Batuman: «Was soll das Theater? Schaut euch unseren halbtoten Jelzin an. Wenn wir mitbekämen, dass der mit einer jungen Frau schläft, würden wir den Nationalfeiertag ausrufen!»

Normen verändern sich und mit ihnen auch die Schamgefühle. Heute muss keine Frau mehr leugnen, alleinerziehend zu sein. Um­gekehrt können Schamgefühle Verhaltens­änderungen bewirken oder neue Normen etablieren. Insbesondere dann, wenn es keine rechtliche Handhabe gibt. Das gilt auch für Institutionen oder Unternehmen. Erröten können die zwar nicht, aber das Ansehen verlieren und damit Wähler oder Geld. Die Furcht vor Beschämung hat einen eigenen Geschäftszweig hervorgebracht. PR-Leute tun nichts anderes, als sich um den guten Ruf von Firmen oder Politikern zu kümmern.

Folglich ist Beschämung auch ein Mittel, um Veränderungen zu erzwingen. Die amerikanische Bürgerrechtlerin Rosa Parks wurde 1955 verhaftet, weil sie sich nicht von einem für Weisse vorgesehenen Sitzplatz im Bus erheben wollte. Es wurde zum Boykott der Stadtbusse von Montgomery aufgerufen. Mit Erfolg: Infolge der Empörung wurde die Rassentrennung für verfassungswidrig erklärt.

Nur schon das Androhen von Entblössung kann viel bewirken. Kalifornien publiziert seit 2007 Listen mit den 500 grössten Steuersündern. Wer trotz Vorwarnung nicht bezahlt, wird blossgestellt. Mit dieser Massnahme hat der Staat zwischen 2007 und 2015 allein 371 Millionen Dollar eingenommen. Inzwischen machen viele Bundesstaaten solche Listen.

So wird Beschämung oft als Mittel der Schwachen gegen die Starken bezeichnet. Aber das ist falsch. Der Mann im Weissen Haus verwendet es ebenso wie der verlassene Niemand, der Nacktfotos seiner Verflossenen ins Netz stellt, frei zum Teilen, Kommentieren und Shamen. Mit der Scham verhält es sich wie mit jeder Waffe: Sie kann ebenso viel Gutes wie Schlechtes bewirken.

«Das Mittel der Beschämung sollte so sparsam und wohldosiert eingesetzt werden wie Antibiotika», sagt Jennifer Jacquet, Umweltwissenschaftlerin der New York University. Vor allem dann, wenn Einzelne der Gemeinschaft überproportional schaden.

Jacquet setzt sich mit der politischen Kraft der Scham auseinander, unter anderem in ihrem gleichnamigen Buch. Darin kritisiert sie, dass die Verantwortung zu lange den Konsumenten zugeschoben wurde. Produzenten hingegen wurden geschont. Ein Fehler. Der Geldbeutel sei zwar ein Hebel, um Umweltprobleme anzugehen. Nur habe das grüne Gewissen ab den neunziger Jahren vor allem ein Geschäft mit Nachhaltigkeitslabels hervorgebracht und widersprüchliche Konsumenten, die einerseits wacker Flaschen entsorgen, andererseits mit dem SUV herumfahren. «Eine Minderheit kann kollektive Probleme wie den Klimawandel nicht allein lösen», sagt Jacquet. Wer hingegen viel bewirken kann, sind Unternehmen. Chevron zum Beispiel. 2011 hat der Energiekonzern elfmal mehr CO2 produziert als alle Glühbirnen aller amerikanischen Haushalte zusammen. Kann man ein solches Unternehmen zwingen, seinen CO2-Ausstoss um 10 Prozent zu senken, bewirkt das mehr, als wenn alle Amerikaner freiwillig im Dunkeln leben würden.

Die neue Schamwelle ordnet Jennifer Jacquet anders ein als die vorangehende. Beschämung werde als Mittel häufiger und fokussierter eingesetzt. Niemand hat das eindrucksvoller vorgeführt als Greta Thunberg. Es gebe auch immer mehr Organisationen wie Banktrack. Die niederländische Organisation macht jene Banken publik, die der Umwelt mit ihren Investitionen am meisten schaden, aber auch die Wahl haben, anders zu investieren. «Es scheint, als ob umweltschädliches Verhalten zunehmend als Ganzes stigmatisiert wird», sagt Jacquet. Effektiv ist das insbesondere dann, wenn Konsumenten zu Bürgern werden und ihre Schamgefühle wie hierzulande in Wählerstimmen übersetzen. Vielleicht ist das bloss eine Phase. Vielleicht ist es auch der Anfang einer neuen Norm.