Wie Nordkoreas Berge Kims Macht legitimieren

NZZ am Sonntag, 20. Januar 2018
Kein Volk der Welt glaubt, dass sein Staatsoberhaupt von einem Berg abstammt. Ausser die Nordkoreaner. Die Macht von Kim Jong Un beruht auf einem kuriosen Führermythos - und seiner Berglandschaft.

Kim Jong Un hat neulich einen Berg bestiegen. Das ist eine besondere Nachricht. Nicht nur weil der Diktator den Aufstieg mit geschätzten 130 Kilo und feinen Lederschuhen geschafft haben soll. Der Paektu ist genauso wenig irgendein Berg, wie der Besuch irgendein Wanderausflug ist: Kim hat dort oben schon öfters den Gipfel des Personenkults zelebriert: 2015 zum Beispiel, als er verkündete, die geistige Energie des Paektu sei stärker als jede Art von Atomwaffen. Oder 2013, bevor er seinen Onkel hinrichten liess.

Es heisst, der Führer breche immer dann zum höchsten Berg des Landes auf, wenn wichtige Entscheide anstünden. Diesmal stapfte er nach Angaben der Staatsmedien bei minus 20 Grad durch den Schnee, um mit dem «grossen November-Event» die Rakete zu feiern, die amerikanisches Festland treffen kann. Bei der Ankunft des «obersten Führers» habe sich der Sturm schlagartig in Sonnenschein verwandelt. Selten sei die Sicht klarer gewesen als an diesem 9. Dezember 2017. Botschaft: Kim kontrolliert nichts Geringeres als die Natur selbst und überhaupt das ganze Universum.

Der Paektu, 2750 Meter hoch, liegt im Nordwesten des Landes, an der chinesischen Grenze. Die Koreaner nennen ihn Paektusan, weissköpfigen Berg. Er ist auf Plakaten zu sehen, in Pjongjangs U-Bahn, auf den Strassen oder im Staatsfernsehen, wenn Nachrichtensprecherin Ri Chun Hee die US-Amerikaner zuverlässig als Bastarde bezeichnet, in rosa Seide, vor weiss gezuckerten Zacken. Der Berg strahlt vom Nationalemblem, er wird in Gedichten beschrieben und von Kims Lieblings-Pop-Gruppe Moranbong besungen. Er ist Namensgeber für Raketen und nicht selten Synonym für die Armee selbst: Der Paektu ist viel mehr als ein Berg – ein Vulkan, ein Mysterium und ein Mythos.

Vor rund 1100 Jahren machte er seine Umgebung dem Erdboden gleich. Er löschte Wälder aus und schuf Landschaften aus Asche, die bis nach Japan reichten. Es war einer der grössten Ausbrüche in der Geschichte der Menschheit, der einen Kratersee ins Gebirge riss, zehn Quadratkilometer gross, 384 Meter tief. Forscher rätseln jetzt darüber, ob der Vulkan wieder ausbrechen wird. Vor allem: Wann? Das ist die grosse Frage.

Der Paektu ist unberechenbar, gefährlich und damit die perfekte, felsgewordene Propagandabühne, um immer wieder das Stück aufzuführen, das in Nordkorea als unangefochtene Wahrheit gilt: Es beginnt mit dem Grossvater des gegenwärtigen Staatschefs, Kim Il Sung, der die japanischen Besetzer am Fusse des Paektu im Guerilla-Krieg bekämpft hat. Die Saga an diesem Berg anzusiedeln, ist aber noch aus anderen Gründen eine vielversprechende Idee: Hier ist der Ort, an dem alles begann. Hier wurde Dangun geboren, der Gründer des ersten koreanischen Königreiches. Hier wurde folglich auch Kim Jong Il geboren, der Sohn des revolutionären Staatsgründers. So hören es zumindest die nordkoreanischen Kinder von klein auf, sie lesen es in den Büchern, allen Beweisen westlicher Historiker zum Trotz, dass Kim Jong Il in einem sibirischen Militärlager zur Welt gekommen ist, Hunderte von Kilometern weiter nördlich.

«Ein heller Stern stieg über dem Paektu auf und schien über Korea. Dieser Leitstern ist Kim Jong Il, der im Besitz der Energie des Paektu ist.»

Mit der Verortung am Paektu wurde die Kim-Saga auch spirituell aufgeladen. Nicht nur Koreaner, sondern auch Chinesen verehren ihn seit Jahrtausenden als heiligen Berg. Bisweilen galt der Paektu selbst als Gott und Herrscher. Für die Jurchen der Mandschurei war er ein «König, der Wohlstand beschert und in Wundern antwortet». Aussergewöhnlich ist das nicht, in vielen Kulturen haben Berge eine besondere Bedeutung: Auf dem Olymp wohnten die Götter der alten Griechen. Am Sinai empfing Moses die Gebote. Der Kailash im Himalaja darf nicht bestiegen werden, als so göttlich gilt er. Und man muss nicht einmal gläubig sein, um in den Bergen ein Bewusstsein von etwas zu empfinden, das grösser ist als die Menschheit selbst.

Der Geburtsmythos Nordkoreas erinnert auch an den Erlöserkanon. Es ist, als würden antiimperialistische, konfuzianische oder christliche Bücher verschwimmen, als hätte man hier und da etwas herausgepickt und frei assoziiert: Ein Stern verkündete die Ankunft von Kim Jong Il (siehe Stern von Bethlehem), in einer Holzhütte ist er auf die Welt gekommen (siehe Stall von Maria und Josef). Je nach Überlieferung zwitscherten Schwalben die frohe Botschaft vom Himmel hinab, oder es war da auch noch ein doppelter Regenbogen zu sehen. In einer Sendung des Propagandasenders «Stimme der nationalen Rettung» von 1983 klingt das dann so: «Ein heller Stern namens Leitstern stieg über dem Paektu auf und schien über Korea. Heute scheint er auf der ganzen Welt, und dieser Leitstern ist Kim Jong Il, der im Besitz des Geistes und der Energie des Paektu ist.»

Als Urheber dieser Geschichten gilt Kim Jong Il selbst, der Vater des heutigen Staatschefs. Laut Michael Madden, Experte am US-Korea Institut der Johns Hopkins Universität, leitete dieser in den sechziger und siebziger Jahren als Sohn des damaligen Machthabers die Propagandaabteilung. In dieser Zeit wurde der Gründungsmythos entwickelt und eine Quasi-Religion geschaffen, die zur staatlichen Juche-Ideologie passt. Daraus leitet sich auch eine Erbfolge ab, die im Begriff der «Paektu Blutlinie» ihre Entsprechung findet. Michael Madden sagt es so: «Der Grossvater wird als Gott verehrt, der Vater als eine Art Jesus-Figur, und den Sohn könnte man mit dem Papst vergleichen.» Das Bergblut soll vor einem knappen Jahr auch dem Halbbruder des Diktators zum Verhängnis geworden sein, Kim Jong Nam, der in Malaysia vergiftet wurde und damit keinen Machtanspruch mehr anmelden kann.

Militärische Parallelwelt

Der Paektu ist längst nicht der einzige Berg, der für die Macht der Kim-Dynastie eine bedeutende Rolle spielt: 80 Prozent der Landesfläche sind bergig. Nach Analysen des US-Korea-Instituts ist diese Topografie strategisch äusserst vorteilhaft, mindestens die Hälfte aller Militäranlagen soll in den Felsen versteckt sein. Munitions- und Raketenfabriken zum Beispiel, die auf Propagandabildern an tunnelartig gewölbten Wänden zu erkennen sind, natürlich auch Schutzräume und Vorratslager.

Es erscheint wie eine James-Bond-Parallelwelt von Bunker-, Tunnel- und Bahnsystemen, in denen Truppen oder Raketenteile bewegt werden, ohne von Satellitenkameras bemerkt zu werden. Dasselbe gilt für Kim Jong Un selbst, der für sich allein eine Strasse hat, die immer wieder im Erdreich verschwindet. Das Nautilus-Institut in Berkeley zählt in einem Report zudem in Fels gehauene U-Boot-Häfen auf oder Radaranlagen, die wie Periskope aus der Erde gefahren werden können.

Besondere Aufmerksamkeit gilt dem Punggye-ri-Gelände am Berg Mantap, in dem die nuklearen Tests durchgeführt werden. Sie lösen Erschütterungen aus, die auf der ganzen Welt messbar sind. Auch in Nordkorea geben sie zunehmend Anlass zur Sorge: Nach dem Atomtest im September bebte die Erde mit einer Stärke von 6,3. Ein Tunnel stürzte ein, es folgten weitere Nachbeben. Forscher stellen ein «Müder Berg Syndrom» fest- das Gestein wurde durch die Explosionen stark zersplittert. Die grösste Befürchtung ist, dass der Mantap kollabieren und radioaktives Material freisetzen könnte.

Genauer verfolgt wird auch, wie die Druckwellen sich auf den Paektu auswirken, dem heiligen Berg, dem Supervulkan. Er ist nur 114 Kilometer vom Testgelände entfernt und 1903 zum letzten Mal ausgebrochen. Vor sieben Jahren holten sich die Nordkoreaner zum ersten Mal Hilfe bei ausländische Vulkanologen, weil sie die Risiken einer erneuten Eruption nicht mehr allein abschätzen konnten. Und nach den letzten Erschütterungen wurde sogar der Nationalpark auf der chinesischen Seite des Vulkans vorübergehend für Touristen gesperrt – aufgrund des zu hohen Sicherheitsrisikos.

Könnte der Paektu infolge von nuklearen Tests ausbrechen? Über diese Frage streiten sich Geowissenschafter aus der ganzen Welt, die einen sagen Ja, die anderen Nein. In jedem Fall wäre es ein Supergau – die grosse Ironie von einem Mythos, der sich am Ende selbst in die Luft sprengt.