Samstag, 1.48 Uhr
Plötzlich ein Zucken in der Herde, die Schafe schrecken auf. Ich versuche, das Wärmebildfernglas einzuschalten, aber meine Finger sind steif vor Kälte und finden den Knopf nicht. Noch einmal. Es dauert eine kleine Ewigkeit, bis das Gerät hochfährt. Verdammt.
«Such alles ab!», ruft Aurèle, der mir beim Eindunkeln noch einmal eingeschärft hat, was zu tun ist, falls wieder ein Wolf auftaucht. Beobachten, filmen und die Kollegin anfunken, die bis zum Schichtwechsel im Zelt schläft. Lärm machen, wenn er näherkommt – Trillerpfeife, Jagdlampe, blenden. Und wenn nichts hilft, bleibt noch das Nebelhorn.
Endlich flackert das Bild auf, und alles Warme leuchtet grellweiss im kalten Grauschwarz: die Schafe und die Felsen, die dank der Restwärme der Sonne glimmen. Während ich den Hang absuche, läuft Aurèle den Schafen entgegen, die über den Grat stieben und im Dunkel verschwinden wollen. Wir sind im Walliser Nanztal, einem Ort, der in der ganzen Schweiz für Wolfsrisse bekannt ist.
Aurèle Pulfer, 33, ist am Freitagmittag losgefahren, von Vevey nach Visp, durch die steilen Rebberge hinauf nach Visperterminen, weiter mit der Sesselbahn zur Bergstation – und dann noch eine Wanderstunde bis zur Schäferhütte auf dem Gibidumpass.
Zwei Nächte lang will der Landschaftsarchitekt hier über 372 Schafe wachen, zusammen mit Sylvie Rossoz, einer 48-jährigen Lehrerin aus Martigny. Beide gehören zur wachsenden Freiwilligentruppe, die um Herden patrouilliert und Nacht für Nacht ins Dunkel späht, bei Regen, bei Schnee. Ihr Name: Oppal – die «Organisation zum Schutz der Weidegebiete in den Schweizer Alpen».
Wolfswetter ist das keins, kein Nebel, kein Regen. Dafür pfeift vom Simplonpass ein eisiger Wind herüber und zerrt an unseren Jacken. In der Ferne blitzt es hinter einer Wolke, die wie ein Atompilz zwischen den Gipfeln aufsteigt.
Keine zwei Wochen ist es her, dass ein Wolf den Schafzaun entlangschlich. «Der kommt wieder, da kannst du Gift drauf nehmen», hat Kurt Karner gesagt, der Hirt. Dank uns muss er nachts nicht bei jedem Mucks der Hütehunde mit dem Schlimmsten rechnen. «Plötzlich ist er da.»
Diese Wache dauert noch mehr als vier Stunden, und ich habe Angst. Nicht um mich, nein, wann haben Wölfe zum letzten Mal Menschen angegriffen? Aber wenn sie eines dieser weissen Schafe erwischen würden, die mit ihren schwarzen Gesichtern so niedlich sind wie im Film «Shaun the Sheep»? Das wäre der blanke Horror. Weiter also. Ist da etwas, ein Wolf, irgendwas?
Letztes Jahr unterstützten laut WWF 676 Freiwillige die Hirten auf Schweizer Alpen – rund ein Drittel mehr als im Jahr davor. Auch diese Saison lassen sich weitere ausbilden. Besonders bei Oppal, der Organisation, die vor allem im Waadtland und im Wallis patrouillierte. Noch nie aber im Bündnerland, wo bei einem Wolfsangriff im Fextal kürzlich 11 Schafe getötet und 26 weitere so schwer verletzt wurden, dass sie erlöst werden mussten. Künftig will Oppal ihre Teams auch in solche Deutschschweizer Krisengebiete schicken, wie die Uno ihre Blauhelme: nicht als Partei für oder gegen den Wolf, sondern als Vermittler. Für weniger Konflikte und mehr Lösungen. Und wer weiss, vielleicht kann das Unmögliche irgendwann möglicher werden: Frieden zwischen Mensch und Wolf.
Samstag, 2.07 Uhr
Auch Aurèle kämpft für diesen Frieden, indem er mit dem Wärmebildfernglas den Zaun abschreitet. Neunmal war er schon für Oppal im Einsatz. Nächte in den Bergen, allein mit den Tieren, den Elementen, den Risiken, «phantastisch», sagt er. Der bärtige Outdoor-Hipster wirkt wie gemacht für einen Oppal-Werbespot: kann bei Platzregen in zehn Minuten ein Tarp aufstellen und lässt sich zum Wanderleiter ausbilden. Die blutige Geschichte des Nanztals kennt er nur vom Hörensagen. Jetzt steht er zum ersten Mal hier oben, während im Dunkel die Schafe noch immer blöken.
Eins folgt mir auf Schritt und Tritt. Bleibe ich stehen, drängt es sich an mich, als hätte es den Sommer 2022 nicht vergessen. Damals standen sie nachts ohne Schutz, ohne Zaun. Erst kamen die Wölfe, dann räumten die Gänsegeier auf. Als die Besitzer das bemerkten, trieben sie ihre Schafe abends in einen Schutzpferch. Am Ende der Saison fehlten 38 Tiere, also wurde in der nächsten alles gezäunt. Doch die Wölfe kamen wieder.
Inzwischen ist das Nanzrudel dafür bekannt, Zäune zu überwinden. Allein im letzten Jahr wurden in der Region Nanz-Ganter 72 Nutztiere gerissen. Allerdings war fast die Hälfte ungeschützt. Viele Züchter sind verzweifelt. Schwarznasenschafe sind im Oberwallis nicht nur Vieh, sondern Lieblinge, Haustiere mit Namen wie Babsi. Obwohl am Ende auch sie auf dem Teller landen. Letzten September rief Visperterminen das ganze Dorf zur Mithilfe bei der Wolfsjagd auf.
Und ausgerechnet hier soll die Koexistenz gelingen? In einem Tal, wo in diesen Julitagen Menschen aufeinandertreffen, die sich so selten verstehen wie Mensch und Wolf: Veganerinnen und Steak-Freunde, Idealisten und Fatalistinnen, Jagdkritiker und Jäger. Kann das gutgehen?
Oli Gottsponer, als Alpchef für die 372 Schafe von 20 Besitzern verantwortlich, sagt: «Seit Oppal da ist, haben wir keine Risse mehr.»
Kurt Karner, der Hirt, sagt: «Wir haben jetzt quasi menschliche Herdenschutzhunde, sicher ist es trotzdem nicht.»
Gertrud Holzapfel, die Partnerin des Hirten, sagt: «Nun ja, das sind zwar alles Wolfsbefürworter, aber wir können endlich wieder ruhig schlafen.»
Horacio Beltran, Oberwalliser Herdenschutzberater, sagt: «Wir machen sehr gute Erfahrungen mit Oppal, dennoch wollen viele Züchter ihre Hilfe nicht – je mehr geschützte Schafe gerissen werden, desto mehr Abschussbewilligungen werden erteilt.»
David Gerke, Geschäftsführer der Gruppe Pro Wolf Schweiz, sagt: «Oppal hat positive Bilanzen, doch es kann kein langfristiges Ziel sein, dass Freiwillige nächtelang an Zäunen hocken. Herden, die nicht geschützt werden können, müssen in schützbare Situationen gebracht werden.»
Georges Schnydrig, Co-Präsident des Vereins «Schweiz zum Schutz der ländlichen Lebensräume vor Grossraubtieren», sagt: «Wenn nachts jemand patrouillieren soll, dann Jäger mit Waffenscheinen und Waffen. Aber so ist das ein fertiger Blödsinn.»
Sicher ist: 2024 lebten in der Schweiz so viele Wölfe wie nie zuvor, rund 330 Tiere. Und doch wurden deutlich weniger Nutztiere gerissen als früher: 926 bis Ende Oktober, die Zahlen von November und Dezember sind noch nicht ausgewertet. Wolfsbefürworter sehen darin den Erfolg von Herdenschutzmassnahmen, Wolfsgegner den Effekt präventiver Abschüsse. Die Wildtierbiologen der Stiftung Kora halten sich zurück. Noch sei unklar, wie sich die Regulierung auf Bestände und Wolfsverhalten auswirkt. Die Forschung läuft.
Auch das Nanzrudel war zum Abschuss freigegeben. Rund 1300 Jäger haben die Spezialausbildung absolviert, um die Wildhüter zu unterstützen. Von Anfang September bis Ende Januar schwärmten sie aus, bewaffnet, mit Nachtsicht– und Wärmebildgeräten – aber: «Das Nanztalrudel lebt einfach weiter», empörte sich der «Walliser Bote». Von neun erlegten Wölfen gehörten nur drei zum Rudel. Und die Leitwölfin hat im März ganz in der Nähe wieder ein Tier gerissen.
Samstag, 2.40 Uhr
Einige Schafe rupfen müde an Halmen, andere liegen wie Wölkchen im Mondlicht. Sie schmatzen, rülpsen und – schlafen. Manchmal hustet eines. Sonst ist Ruhe in der Herde.
Und auch wir sitzen wieder auf unseren Campingstühlen. Wärmender Tee aus der Thermosflasche, ein paar Schokokekse – Aurèles Rezept, um wach zu bleiben.
«Hallo, hallo», knattert es aus dem Walkie-Talkie.
«Wo ist der Wolf?», fragt Sylvie, eben wach geworden, Schichtwechsel.
«Wir haben ihn verscheucht», antwortet Aurèle.
Ein Scherz. Denn irgendwo da draussen ist er.
Freitag, 8.10 Uhr
Einen Morgen zuvor humpelt Gertrud Holzapfel durch die Schäferhütte. Die Partnerin des Hirten hat sich das Aussenband gerissen. Jetzt rührt sie in einem Kessel Joghurt an, statt mit Kurt die Herde den Berg runter zu treiben.
Der ist schon in aller Herrgottsfrühe raus, weil ein Muttertier mitsamt Lämmern fehlt. Ausgerechnet das mit den Hüftproblemen, das kaum noch den Hang hochkommt.
Bis zum letzten Licht haben wir gestern gesucht, vergeblich. «Wenn jetzt der Wolf kommt, ist es kaputt», hat Kurt gesagt. Dass die Freiwilligen einen gesichtet haben, macht den 62-jährigen Südtiroler nervös – zumal es ein Einzelwolf war, die seien hungriger und aggressiver, weil sie allein jagen müssen.
Dabei wollten Gerti und Kurt einfach nur ihre Ruhe. Hinter ihnen liegt eine zehnjährige Wolfsodyssee, von den Flumserbergen über das Prättigau bis ins Berner Oberland. Sie haben alles versucht: Blinklichter, Geräuschmelder mit Blasmusik, Sirenen, sogar Strassenlärm. Sie mussten mit pubertierenden Schutzhunden arbeiten, die entweder jagten oder die Herde teilten. Elektrozäune, Netze, Bänder – aber der Wolf kam trotzdem, immer wieder.
Der vorläufige Tiefpunkt war Klosters vor vier Jahren: Die Hirten trieben die Schafe nach der Ankunft in einen natürlichen Bergkanal. Sie zäunten aber nur gegen die untere Kuhweide ab und liessen die obere Seite offen. Ein fataler Fehler. Nachts hielten sie zwar Wache und gingen nur zum Frühstück weg. Als Kurt zurückkam, stiess er schon bald auf das erste Lamm, den Bauch aufgerissen, die Gedärme quollen heraus. Gegen zwanzig Schafe waren tot oder halb tot. Die Saison hatte noch nicht einmal begonnen – schon transportierten die Bauern ihre Tiere wieder ab.
«Das war brutal, der Kurt war fix und fertig», sagt Gerti vor einer dampfenden Tasse Kaffee. Kurt, eben zur Tür reingekommen, nickt: «Es war eine Riesensauerei.»
Sie: «Mit Wölfen sind wir durch.»
Er: «Da bist du nie durch, die haben immer eine andere Taktik, die Sauviecher.»
Und dann setzt er sich und nimmt einen Kaffee und seufzt: Die vermissten Schafe seien wieder aufgetaucht, alles gut.
Braungebrannt, wettergegerbt, Haut wie Leder: Gerti und Kurt lieben die Natur – und kennen ihre Gnadenlosigkeit. Kurt musste Lämmer mit dem Hammer erlösen, halb gefressen, aber noch lebendig. Er rettete Gemsen, die sich in geladenen Schutzzäunen verheddert hatten. «Was ist das für ein Tierschutz?», poltert er. «Da sagen die Grünen nichts, das ist dann keine Quälerei.»
Für sie ist klar: Die Alpen sind zu eng für den Wolf, zu dicht besiedelt. Nicht zu vergleichen mit den Abruzzen, wo sie einst gegen 1000 Schafe hüteten, mit 12 Maremmanos, diesen riesigen, weissen Herdenschutzhunden aus Italien. Aber hier? Auf dem Gibidumpass, wo Ausflügler in Scharen die Rundsicht auf Zacken wie Bietschhorn, Weisshorn oder Dom bestaunen? Kaum vorstellbar.
Schutzhunde würden sich den Wanderern bellend in den Weg stellen, die in Kolonnen vor der Hütte vorbeistöckeln, oder den Bikern nachrennen, die an den Schwarznasen vorbeisausen. Der Alpenpässeweg führt vor der Haustür direkt ins Nanztal, über den Blausee und den Simplonpass bis nach Gspon.
Freitag, 11.22 Uhr
Die Herde steht verstreut um die Hütte, schwarze Gesichter zum Hang gerichtet, als wären die Tiere depressiv. Dabei ist es ihnen schlicht zu heiss in der Julisonne. Geschoren wurden sie schon früh im Jahr. Und im September, zur Herbstschau in Visperterminen, sollen sie auch wieder gute Frisuren haben.
Schafe sind Raubtieren generell nicht mehr gewachsen. Herdenorientiert gezüchtet, rücken sie in Panik enger zusammen, statt wie Hirsche oder Gemsen zu fliehen. Diese Eigenschaft erleichtert nicht nur Hirten die Arbeit: Indem sich Schafe gar um verletzte Tiere gruppieren, stimulieren sie das Raubverhalten des Wolfs, der daraufhin viel mehr Tiere tötet, als er fressen kann. «Surplus-Killing» heisst das in der Fachsprache, oder «Hühnerstall-Effekt».
Die Gründer der Schafzuchtgenossenschaft Visperterminen konnten 1955 nicht ahnen, dass sie ihre Tiere 70 Jahre später vor Wölfen schützen müssen wie Hühner vor dem Fuchs. Und dass neben ihrer Hütte ein Zelt stehen würde – das Basislager von Oppal, mit Brennofen, Ausrüstung, Vorräten. Hier schlafen die Freiwilligen tagsüber und kochen am Abend, um sich für ihre «Missionen» zu stärken. Im Vorfeld haben sie eine Vereinbarung unterschrieben und sich unter anderem verpflichtet, hier weder Alkohol noch Drogen zu konsumieren.
Freitag, 11.47 Uhr
Mara und Dmitry Lisenko kriechen aus dem Zelt, blass im Gesicht, dunkle Ringe unter den Augen. Die Umweltaktivisten aus Lettland sind zum ersten Mal für Oppal im Einsatz. Entsprechend hilflose Fragen schrieben sie vor ein paar Tagen in den Chat, in dem sich Freiwillige und Koordinatoren ständig austauschen:
4. Juli, 17.17, Dmitry: «Könnt ihr uns bitte sagen, wie kalt es ist? Brauchen wir Winterjacken?
17.25, Sara: «Unterschätzt die Kälte hier oben nicht, auch wenn es im Tal unten heiss ist.»
17.26, Oppal: «Winterjacken.»
17.34, Yvonne: «Wollmütze und Handschuhe helfen, Thermo-Unterwäsche und lange Socken.»
Das ist nur einer von zehn Chats, in denen Oppal Einsätze von rund 500 Helfern auf verschiedenen Alpen organisiert. Die Betreuerinnen verschicken laufend Karten, Informationen und stehen rund um die Uhr bereit, um alle möglichen Probleme zu lösen: vom Loch im Wassersack über Ladeprobleme der Wärmebildgeräte bis hin zu fehlender Konfitüre. Ausserdem wird stets kontrolliert, ob die Freiwilligen im Einsatz sind:
9. Juli, 7.01, Oppal: «Wie war die Nacht?»
7.08, Dmitry: «Kalt 🙂 Wir haben ein Tier gefilmt, das einer Ziege glich. Und noch eines, das wie ein Fuchs aussah, aber ich konnte es nicht gut filmen.»
7.40, Dmitry: «Wo ist die Toilette? In der Schäferhütte?»
Nach drei Nachtwachen heisst es für Mara und Dmitry zusammenpacken und weiterziehen. Die beiden sind 38, Metal-Musiker und Profis in Sachen Freiwilligenarbeit. Seit vier Jahren engagieren sie sich weltweit in Umweltprojekten – und drehen dabei Videos für ihre Youtube-Serie «Be Brave to Act», um andere zum Mitmachen zu inspirieren. Eben bauten sie noch in Slowenien Sandbänke für nistende Sandschwalben, als nächstes sammeln sie in Ungarn bei einem Rennen Plastikmüll.
«Leider haben wir keinen Wolf gesehen», sagt Mara und versinkt seufzend im Campingstuhl. Sie ist todmüde, würde aber noch eine vierte Nacht durchmachen, bekäme sie einen zu Gesicht. Dmitry, ihr Mann, schüttelt den Kopf: «Wir sind hier, um einen Unterschied zu machen, nicht um Wölfe zu sehen.»
Denn Oppal mahnt sowohl online als auch in Ausbildungen vor Ort, nicht als Wolfsfan aufzutreten, keine Pro- und Contra-Diskussionen zu führen und sich ganz auf die Mission zu konzentrieren: neutral bleiben, Herden schützen, Konflikte zwischen Menschen und Wölfen entschärfen. Alles andere schrecke Züchter ab, selbst wenn die Hilfe gratis ist. Aber wer möchte so ein Tier nicht wenigstens einmal aus der Nähe sehen?
Sogar Kurt und Gerti sind dafür schon eigens in ein Wolfszentrum gefahren. Sie glauben, dass die Freiwilligen eher pro Wolf und aus der Stadt sind, sprechen das aber nicht an. Gerti wirft manchmal die Frage auf, welche Motive die wohl haben. Ein Abenteuer? Ein Kick? Einer erzählte ihr, er sei früher bei den Pfadfindern gewesen und jetzt halt bei Oppal. Was soll’s. Die Zweckgemeinschaft funktioniert erstaunlich gut, allen Unterschieden zum Trotz: Die Letten sprechen Englisch, die Hirten Deutsch. Die Letten tragen Tattoos, die Hirten die Bergbräune. In der Schäferhütte brutzelt mittags Fleisch, auf dem Campingkocher Rösti mit Tofu. Mara und Dmitry sind vegan und gegen das Töten aller Tiere.
In einem Punkt sind sie sich aber alle einig: Der Mensch ist das grösste Raubtier – der Wolf auch nur ein Opfer.
Freitag, 18.27 Uhr
Während das lettische Team bereits auf Heimreise ist, rüstet sich im Camp die nächste Schicht. Aurèle und Sylvie packen Zelt, Schlafsäcke und Matten für das Nachtlager. Nur das Nötigste kommt mit: Fernglas, Jagdlampen, Wechselkleidung, Regen-Tarp, Campingstühle, Tee und ein paar Snacks. Die Nacht soll klar werden und klirrend kalt.
Angekommen ist jetzt auch Jérémie Moulin, Outdoor-Klamotten, jung, sportlich. Der 33-Jährige sieht aus wie ein Freiwilliger, ist aber der Direktor von Oppal. Heute will er sehen, wie es hier läuft. Seite an Seite mit Kurt steigt er den Hang hinauf, der die Schwarznasen wie jeden Abend zum Nachtplatz treibt. Zurzeit liegt dieser ziemlich weit oben, knapp unter dem Gipfel des Rothorns, auf 2330 Metern.
Siebenmal pro Saison zieht die Herde um, und mit ihr das Basis- und Nachtlager von Oppal, immer weiter bergauf und tiefer ins Nanztal. Alle Sektoren sind grossflächig eingezäunt, 1,30 Meter hoch, mit sechs geladenen Litzen, die unterste nur 20 Zentimeter über dem Boden.
«Ein Witz», sagt Kurt. Aus den Abruzzen ist er mehrere Meter hohe Zäune mit Überhang und Stacheldraht gewohnt. «Hier kommt der Wolf unten und oben durch. Diese Zäune bringen vor allem Entschädigungsgelder für Risse. Ohne Hunde hast du keine Chance.»
Jérémie nickt: «Auch wenn diese Zäune gute Barrieren bilden, manchmal braucht es zusätzlich Hunde – oder Menschen.» Aufgewachsen im Walliser Val de Bagnes, kennt er diese Probleme seit langem. Schon als Student besass er ein Wärmebildfernglas, mit dem er nachts manchmal über die Herde eines befreundeten Bauern wachte. Daraus ist die Idee für Oppal entstanden, lange bevor der Tierfreund in Lausanne das Biologiestudium beendet hatte. Auf seinem Instagram-Account reiht sich Foto an Foto – Eulen, Luchse, Bären. Seine Vision ist eine friedliche Koexistenz von Menschen und Wildtieren. «In 100 Jahren soll es hier noch Schafe geben – und Wölfe», sagt er.
Aurèle und Sylvie stapfen an uns vorbei. Für die wackeren Freiwilligen ist der Aufstieg ein Spaziergang, sie rennen jede freie Minute Berge rauf und runter. Ausserdem wollen sie rasch nach oben, Zelt aufbauen, Schichten planen und pünktlich um 20 Uhr die Wache beginnen.
Aus Jérémies Vision ist ein Beruf geworden, aus Oppal eine NGO mit zehn Angestellten. Im Bündnerland hilft den Bauern zwar noch die Freiwilligenorganisation Pasturs Voluntaris beim Zäunen. Nachtwachen bietet jedoch nur Oppal an, allen Widerständen zum Trotz: Jérémie erzählt beim Aufstieg schnaufend, wie ihnen Wolfshasser anfangs Sätze wie «Eure Zelte werden brennen» entgegen schmetterten. Ein Bauer holte nachts absichtlich ein paar Tiere aus dem Pferch, um Oppal zum Scheitern zu bringen. Heute – fünf Jahre, rund 40 Alpen und Zehntausende Überwachungsstunden später – steht fest: Es funktioniert. Während der Nachtwachen hat es noch keinen einzigen Riss gegeben. Auf Dauer kann das aber auch keine Lösung sein, oder?
«Unser Ziel ist nicht, für immer auf einer Alp zu bleiben», sagt Jérémie. «Wir helfen so lange, bis die Schutzmassnahmen funktionieren und wir überflüssig werden. Dann ziehen wir unsere Teams wieder ab, um sie dort einzusetzen, wo sie dringender gebraucht werden.»
Er deutet erst auf die Schutzzäune, die es hier vor drei Jahren noch nicht gab, und dann auf Kurt. Früher teilten die Besitzer die Wochen untereinander auf, um abwechselnd nach ihren Tieren zu schauen. Diesen Sommer wieselt erstmals ein Profi-Hirte jenen Schwarznasen hinterher, die lieber wieder den Hang hinunter statt hinauf wollen.
Freitag, 19.37 Uhr
Oben die Überraschung: In allen anderen Sektoren gibt es innerhalb der herdenschutzkonformen Tagweide einen eingezäunten Nachtplatz. Auch für Oppal ist Bedingung, dass die Tiere im Dunkeln eng beieinander sind, damit die Freiwilligen sie alle im Blick haben können. Hier aber gibt es nur eine Mulde zwischen dem Grat und dem Steilhang. Sie liegt zwar in der Ecke des Tagpferchs, ist aber nicht zusätzlich eingezäunt.
«Bizarr», sagt Jérémie und schüttelt den Kopf. In drei Jahren Zusammenarbeit ist hier alles immer wie am Schnürchen gelaufen. Er zieht das Handy aus der Tasche, um dem Alpchef Oli Gottsponer eine SMS zu schreiben. Telefonieren ist unmöglich, der Wind fegt über den Grat hinweg und pfeift uns so eisig um die Ohren, dass wir schon Jacken und Mützen auspacken müssen. Wahrscheinlich würde er ihn sowieso nicht erreichen: Ganz Visperterminen feiert jetzt am Bodmer Open Air.
Wir schreiten dem Zaun entlang und suchen mit den Ferngläsern alles ab. «Er ist hoch genug, solange sie hierbleiben, ist es kein ‹big deal›», sagt Jérémie. Er muss es wissen: So viele Wölfe hat Oppal schon vergrämt und verblendet, dass er längst aufgehört hat zu zählen.
Inzwischen hat der Alpchef geschrieben: Die Schafe seien nicht eingezäunt, weil es hier oben kein Wasser gibt, sagt Jérémie. Aber ist der Schutz nicht wichtiger? Wie auch immer. Die Bedenken verfliegen im hinreissenden Abendlicht, umrundet von schönen Bergen und lustigen Schafen, die sich blökend und bimmelnd in der Mulde versammeln, als würden sie gegen die Bässe des Bodmer Open Airs protestieren.
Alle da? «Ja!», ruft Kurt und winkt zum Abschied. «Jetzt habt ihr Musik von vorn und von hinten.» Als sich die Dunkelheit langsam über die Landschaft legt, macht sich auch Jérémie auf den Rückweg.
Nun sind wir allein, mit den Tieren, den Sternen. Wenn der Himalaja das Dach der Welt ist, dann ist hier mindestens das Vordach.
Bald kriecht die Kälte hoch, und mit ihr die Angst. Die Nacht bricht an. Was, wenn das Nanzrudel kommt? Die Wölfe, die sogar über Zäune springen? Bis jetzt wurden in dieser Region neun Nutztiere gerissen, deutlich weniger als im Vorjahr. Manche führen das auf die Regulierung zurück. Doch Oppal beobachtet immer Wölfe, unabhängig davon, ob in einem Gebiet geschossen wurde oder nicht – im Schnitt jede zwanzigste Nacht, sagte Jérémie, der als Biologe nicht an die Wirksamkeit präventiver Regulierung glaubt.
Samstag, 1.48 Uhr
Plötzlich zuckt die Herde zusammen, Schafe springen auf. Ich greife zum Wärmebildfernglas. Sekunden dehnen sich. Endlich fährt das System hoch. «Such alles ab!», ruft Aurèle. Das Bild flackert auf: die Schafe grellweiss, die Felsen hell aufglimmend von der Wärme der Sonne. Doch sonst scheint sich nichts zu bewegen da draussen. Wirklich nicht?
Samstag, 2.25 Uhr
Eine Sternschnuppe zieht vorbei, bald noch eine. In der Luft liegt ein würziger, harziger Geruch. «Génépi», sagt Aurèle, der nicht nur jeden Zacken mit Namen kennt, sondern auch jedes Kraut. Er erzählt, wie aus Edelraute ein feiner Schnaps gemacht wird. Später reden wir über seine Pläne, sich als Wanderleiter selbständig zu machen, und halten uns damit gegenseitig wach.
Samstag, 2.45 Uhr
Da! Da war doch etwas? Ein weisser Fleck, der sich bewegt hat. Ganz sicher. Ich erstarre vor Schreck. Bis der Fleck hinter dem Stein hervorhoppelt. Uff!
Samstag, 3.11 Uhr
Ich liege im Zelt, um mich aufzuwärmen. Schlafen? Unmöglich. In der Ferne wummern die Open-Air-Beats. Während wir wachen, machen die Einheimischen Party. Ob die Wölfe fliehen bei diesem Lärm oder gerade deshalb kommen, schlau, wie sie sind? Und wie es wohl weitergeht auf dieser Alp?
Ohne Hilfe wird es schwierig: Die 45 000 Franken für die Zäune kamen zu 80 Prozent aus öffentlichen Mitteln. Aufgestellt haben die Schäfer sie gemeinsam mit 62 Lonza-Mitarbeitern und weiteren Freiwilligen. Und auch Oppal leistet einen grossen Aufwand, finanziert durch Spenden: Das Material hält zwar mehrere Jahre, kostet aber rund 20 000 Franken. Dazu kommen pro Saison etwa 20 000 Franken für das Essen der Freiwilligen sowie weitere 10 000 für Unterhalt und Transportflüge. Viel Geld für Schafe, die im Nebenerwerb gezüchtet werden. Zumal es den Schwarznasen schon jetzt manchmal zu heiss ist, um als Landschaftspfleger die Artenvielfalt zu erhalten.
Die Zukunft von Oppal hingegen ist klar: Jetzt will die Organisation in der Deutschschweiz aktiver werden und ihre Notfalltruppen ausbauen. Sie haben bereits sechs Teams mit 32 Zivildienstleistenden, die einspringen, wenn Hunde ausfallen oder Hirten verletzt sind. So wird aus Oppal ein Wolfsnotfalldienst: Einfach anrufen, und sie kommen. «Wir haben bewiesen, wie effizient menschliche Präsenz im Herdenschutz ist – jetzt wollen wir noch mobiler werden», sagt Jérémie.
Samstag, 5.17 Uhr
Der Tag kommt mit einem orangen Streifen unter tiefblauem Himmel, der hier oben ewig scheint. Und plötzlich ist es, als hätten sich die Schafe abgesprochen, eins steht auf, streckt sich, macht ein paar Schritte, dann das nächste. So setzen sie sich, eines nach dem anderen, in Bewegung, grasen und trotten langsam die Hänge hinab, als folgten sie einer uralten Choreografie.
Irgendwo, unsichtbar, zieht auch der Wolf seine Spur. Vielleicht ist er nur ein flüchtiger Schatten dort drüben bei den Felsen, den man fast für Wind halten könnte. Vielleicht streift er viele Täler entfernt durch feuchtes Gras, lautlos, erhobenen Hauptes. Er ist nicht zu sehen, und doch immer zu spüren.
Vorbei ist eine weitere friedliche Nacht. Doch das ist kein Happy End. Nur ein weiteres Kapitel in einer Geschichte, die älter ist als wir und nie endet.
Eine Woche später steht im Oppal-Chat: «Hallo, in dieser Nacht haben wir zwei Wölfe verscheucht. Die Schafe sind ziemlich ruhig geblieben».