Kapitel I – Der Strom
Darf ich dich bitten, die Gegenwart einen Moment lang auszublenden?», sagt Robert Macfarlane, als wir am späteren Nachmittag da ankommen, wo die englische Stadt Cambridge in Ackerland übergeht. Denn nun leuchtet es hellgrün aus gelben Rapsfeldern – das Wäldchen, in dem «vor 12 000 Jahren ein Fluss geboren wurde».
Der Bestseller-Autor, der als Ikone einer Umweltbewegung sensible Naturschwärmer ebenso hinter sich vereint wie die härtesten Ökofreaks, will an diesem Nachmittag im April noch einmal zurückgehen. Zurück in der Zeit und gegen den Strom, zurück ans Ende der Eiszeit und an den Anfang des Lebens.
Und so beginnt er zu erzählen, wie im beginnenden Holozän die Temperaturen steigen und der Boden langsam auftaut. Der schmelzende Schnee sickert durch das Gestein bis tief in die Erde, wo sich das Grundwasser sammelt und am Fuss dieses flachen Hügels aus einer Kreidespalte entspringt. Immer wieder, um in einen Bach zu fliessen, einen Strom, immer dem Meer entgegen.
«Stell dir vor, wie diese Quellen das Leben um sich herum entstehen lassen und wie das Leben wächst», sagt Macfarlane und lässt erst Auerochsen das glasklare Wasser trinken. Dann schlagen Menschen am Ufer Feuersteine, bauen Siedlungen und später einen Ringwall. Bronzezeit, Eisenzeit, Römerzeit. Die Menschen lauschen den Stimmen des Wassers und verehren Flüsse als Götter. Sie benennen die Quellen nach der Schicksalsgöttin Nona, und aus Nona werden die Nine Wells, neun Brunnen, während Cambridge wächst und wächst und ihr Wasser trinkt und trinkt – bis sie fast versiegen.
Vor zehn Jahren bin ich zum ersten Mal nach Cambridge gereist, um den Professor für englische Literatur und Umweltgeisteswissenschaften zu treffen. Es war ein normaler Frühling, weniger heiss als jetzt. Greta Thunberg sass freitags noch in der Schule, und die Klimabewegung konnte sich auch Macfarlane nicht ausmalen, der damals fast ein bisschen stolz erzählte, seit drei Monaten keine Zeitung gelesen zu haben, «so ablenkend, you know».
Stattdessen hat die wichtigste Stimme des britischen Nature-Writing das getan, was plötzlich alle wollten: rausgehen. Er hat Siebentausender erklommen und ist Hunderte von Tagen nur gewandert. Er hat in Schneewechten geschlafen und bis zu 1122 Meter tiefe Höhlen erforscht. Und wer dieses Ziehen im Bauch noch nicht spürte, diesen Drang, der Menschen hinauszwingen kann in Höhen und Weiten, tat es spätestens nach der Lektüre seiner ebenso abenteuerlichen wie literarischen Sachbücher.
Keiner denkt konsequenter über Landschaft nach und darüber, was sie mit uns Menschen macht und wir mit ihr. Und keiner kämpft poetischer für sie als Robert Macfarlane, der inzwischen auch Protestgedichte schreibt und an Demonstrationen mitmarschiert. Er will nicht nur unser Denken revolutionieren, sondern auch unsere Gesetzgebung. Seine Bücher werden in mehr als dreissig Sprachen übersetzt, und wenn jetzt sein neustes erscheint, leuchten die Schaufenster der Booksellers im Königreich blau wie der Fluss, der sich durch die grüne Cover-Landschaft von «Is a River Alive?» schlängelt – «Sind Flüsse Lebewesen?»
Die Suche nach einer Antwort hat Macfarlane von den Nine Wells in einen Nebelwald Ecuadors geführt, zu den sterbenden Flüssen im indischen Chennai bis über die wilden Stromschnellen des Mutehekau Shipu in Kanada und wieder hierher zurück. Sie fliesst in ein mehr als 400 Seiten langes Buch, das vom Leben und Sterben von Flüssen handelt, sowie der Idee, dass sie ein Recht haben sollten zu fliessen. Es ist Macfarlanes radikalstes Buch.
Denn auch die Quellen am Ende dieses Feldweges sind bedroht wie viele Flüsse in England und auf der ganzen Welt. Manche sind so stark verschmutzt, dass sie von giftigem Schaum weiss gefärbt werden, wie der Yamuna in Delhi. Andere trocknen infolge von Dürren stellenweise fast vollständig aus, wie der Rio Grande in New Mexico. Auch hier seien die letzten Monate sehr trocken gewesen, und überhaupt falle in Cambridge inzwischen so wenig Regen wie in Barcelona, erzählt Macfarlane auf unserer Wanderung, die im Zentrum der Universitätsstadt begann und am Botanischen Garten vorbeiführte, an Schrebergärten, Fussballfeldern, Bahnschienen, Überbauungen und Betonriesen, immer dem Kreidebach entlang, der für den hochgewachsenen Briten so etwas ist wie ein alter Freund.
Vor zweiundzwanzig Jahren ist er mit seiner Frau, der Sinologin Julia Lovell, in eines dieser typischen Backsteinhäuser am nahen Stadtrand gezogen. Seither besucht er die Quellen mehrmals pro Woche, der Professor mit dem Käppi, den Converse-Turnschuhen und dem Jutebeutel am Arm, den man von Weitem für einen seiner Studenten halten könnte. Auch sie führt er auf «field trips» zu den Quellen, um mit ihnen das zu tun, was er heute mit mir tun will und mit der ganzen Welt: Uns daran erinnern, wie eng unser Schicksal schon immer mit jenem von Flüssen verbunden war und wie sehr Wasser zu einer Substanz aus dem Hahn verkommen sei, «einer liquiden Ressource, deterritorialisiert von ihrem Ursprung, ihrer Landschaft und ihrer Geschichte, die auch unsere eigene ist».
Schon zweimal sind die Quellen fast versiegt. Zum ersten Mal während der Dürre von 1976, als ihnen noch mehr Wasser abgezapft wurde. «Dabei ist dieser namenlose Bach als Lebensraum so fragil und selten wie das Great Barrier Reef», sagt Macfarlane, als wir im grellen Nachmittagslicht dem kühlen Wäldchen entgegengehen. Auf der ganzen Welt gebe es nur noch 200 bis 300 Kreidebäche, die wie hier, am Fuss der White Hills, aus weichem und fast weissem Kalk entspringen.
«Habe ich erwähnt, dass ich 1976 geboren wurde? Für die Dürre übernehme ich aber keine Verantwortung», scherzt der 48-Jährige, der nichts von der Humorlosigkeit hat, die vielen Naturschützern eigen ist. Er ist auch keiner dieser Outdoor-Typen, die ständig Berge rauf- und runterrennen, um mit Rekordzeiten und Höhenmetern anzugeben. Lieber gibt er zu, schon um Flüsse geweint zu haben.
Aber jetzt liegt die schmale Brücke vor uns, die in den Nine Wells Wood hineinführt. Vor drei Jahren ist Macfarlane hier mit seinem jüngsten Sohn Will entlanggegangen – im heissesten Sommer aller Zeiten, als in der Thur 1,5 Tonnen Fische verendeten, der Po zu einem Tümpel ausdorrte und aus der historisch niedrigen Elbe ein Hungerstein ragte mit der Mahnung: «Wenn du mich siehst, dann weine.»
Und die Nine Wells? «Sind nahezu versiegt», schreibt Macfarlane in seinem neuen Buch. «Die übermässige Entnahme von Grundwasser und mehrere trockene Sommer haben ihre Vorarbeit geleistet – jetzt gibt die Dürre ihnen den Rest. Der Wasserstand in der grössten Senke ist so niedrig wie noch nie, die Mulde verstopft mit stinkendem Laub. Nicht einmal daumentief ist das Rinnsal, das von den Quellen fortführt, und es zeigt keine wahrnehmbare Strömung.»
So standen sie also vor diesem reglosen Becken, in dem einst das Leben sprudelte, Vater und Sohn. Das war der Moment, in dem Will fragte: «Ist das Wasser tot?»
«Superstar einer Bewegung»
Wer denkt, dass diese Frage bloss Kinder oder Hippies beschäftigt, liegt falsch in Zeiten, in denen Wasser als neues Öl gehandelt wird. Anfang Mai wird sie auch an der ausverkauften Royal Geographic Society diskutiert, wo Macfarlane spricht, Anzugträger wie der ehemalige amerikanische Aussenminister John Kerry zuhören und der Moderator sagt: «Jede Generation, jede Bewegung braucht einen Superstar – das ist unserer.»
Dabei kann man den Schriftsteller so schwer in Rollen oder Genres zwängen wie einen Fluss in ein begradigtes Bett. Angefangen bei seinen Büchern, die sich bei Hatchards, dem ältesten Bücherladen Londons, in die unterschiedlichsten Abteilungen einreihen, von Nature-Writing über Reiseliteratur bis zu den Kinderbüchern. Kommt dazu, dass Robert am liebsten Rob genannt wird und fast reflexartig dazu neigt, sich noch kleiner zu machen, als die britische Bescheidenheit es vorsieht. Doch selbst er kann nicht abstreiten, dass sein Schaffen zu einem Strom geworden ist, der alles mitreisst, was er berührt.
Während er das Fluss-Buch schrieb, arbeitete er schon am nächsten über Vögel und an einem Comic-Roman. Bald feiert die Filmversion seines Buchs «Underland» Premiere. Im Oktober erscheint mit «Firefly» die erste Ausgabe seiner Bilderbuch-Trilogie «Night Creatures». Im November läuft eine weitere Kooperation mit dem Helsinki-Kammerchor an – ein Requiem für den Bergahorn am Hadrianswall, der in einer Septembernacht des Jahres 2023 illegal gefällt wurde. Ganz zu schweigen von all den Umweltorganisationen, in die er involviert ist. Wie schafft er das? Als Professor, Ehemann und Vater dreier Kinder? Und was treibt ihn wirklich an?
Kapitel II – Die Nebenflüsse
Am 1. Mai strömen im Norden Londons Hunderte an die Launch-Party von Macfarlanes neustem Buch «Is a River Alive?» Unsere Wanderung ist schon ein paar Tage her, als sie sich am Anlegeplatz des Canal-Museums versammeln. Am Wasser, wo sonst, stehen Liedermacher und Autorinnen, Studentinnen und Professoren, Forscherinnen und Anwälte, Aktivistinnen und Flusswächter aus aller Welt. Die goldene Abendsonne spiegelt sich im Battlebridge Basin, als eines dieser langen Kanalboote einbiegt. Die ersten jubeln, als sie seine Gestalt erkennen, die auf dem Dach der Kabine steht und noch grösser wirkt als sonst – Rob.
Schulterklopfen, Umarmungen und jede Menge «Cheers!». Es werden Geschichten erzählt und Flusslieder gesungen. Später bilden die Menschen eine Schlange, an deren Ende Macfarlane Bücher mit einem Tinten-Wasser-Gemisch von 101 Flüssen signiert. Und je länger der Abend wird, und je mehr Bier namens Meander fliesst, desto schwärmerischer werden die Worte, desto wässriger die Augen und desto höher der Thron, auf den sie ihn heben – ihren Rob.
Für viele ist er ein Mentor, der auch die Leisesten hört und das Beste aus allen herausholt. Andere bezeichnen ihn gar als Seher, der die Gabe hat, tief zu blicken und zwischen den Welten zu vermitteln. Am metaphysischsten bringt es der Indie-Musiker auf den Punkt, mit dem Macfarlane bald auf Tour geht: «Rob ist unser Mutterbaum», sagt Hayden Thorpe, «seine Wurzeln nähren weit und breit.»
In zehn Jahren ist Robert Macfarlane auch der prominenteste Kopf einer Bewegung geworden, für die er lieber ein anderes Wort aus der Biologie verwendet: Myzel – so nennt man das unterirdische Geflecht aus Pilzfäden, über das Pflanzen und Bäume miteinander verbunden sind, sich gegenseitig nähren und beeinflussen. Es hat keine Hierarchien, ist weitverzweigt und zu grossen Teilen unsichtbar – bis auf ihre leuchtenden Vertreter, deren Fruchtkörper überall spriessen wie Pilze nach einem langen Regen im Herbst.
Da ist etwa der Musiker und «Ripley»-Schauspieler Johnny Flynn: Er hat mit Macfarlane zwei Folk-Alben geschrieben. Heute werden diese Lieder an den Lagerfeuern von Aktivistinnen gesungen.
Da ist die Illustratorin Jackie Morris: Sie hat mit Macfarlane alle jene Naturwörter gesammelt, die im Oxford Junior Dictionary Begriffen wie «Blog» weichen mussten. Heute finden sich «Otter» oder «Eichel» nicht nur in ihrem gemeinsamen Kinderbuch «The Lost Words» wieder, sondern auch in Tausenden von Schulbibliotheken.
Da ist der Autor und Campaigner Nick Hayes: Er wurde als Student von Macfarlane zu seinem Buch «The Book of Trespass» inspiriert, in dem er private Ländereien durchquert und die ungleiche Landverteilung in England anprangert. Heute ist daraus die Bewegung Right-to-Roam entstanden, die sich für freien Zugang zur Natur einsetzt.
So könnte man unzählige Beispiele nennen und jedes endlos weitererzählen, um das wachsende Myzel zu beschreiben, dem Macfarlane dieselbe Inspiration gibt, die er selbst draus zieht. Wenn es heisst, die Umweltbewegung sei tot, dann muss man sagen, diese hier wirkt ziemlich lebendig.
Wasser für Cambridge
«Dieses Wasser stammt von den Quellen, die durch mein Buch fliessen, durch meine Stadt, durch mein Leben», hat Macfarlane am Tag unserer Wanderung im Stadtzentrum von Cambridge gesagt. Um 14 Uhr wollte er vom Fitzwilliam-Museum aus loswandern, wo das Wasser in einer Rinne der Strasse entlang fliesst, beziehungsweise steht – eine Suppe voller Dreck, Zigarettenstummeln und Plastikabfällen.
Er erklärte, dass Kanalrinnen wie diese im frühen 17. Jahrhundert gebaut worden seien, als Teil eines künstlichen Wasserlaufs und hygienischen Plans: Die Menschen sollten nicht länger das Wasser aus dem Fluss Cam trinken, das mit Müll, Kadavern und Fäkalien verschmutzt war. Das Wasser, das sie krank machte, und Seuchen wie Typhus grassieren liess. Bis das Wasser der Nine Wells in die Stadt geleitet werden konnte.
«Die Quellen haben Leben nach Cambridge gebracht, heute sterben sie», sagt Macfarlane an diesem Apriltag, an dem die Menschen in wehenden Kleidern durch die Strassen flanieren und die Medien wie immer über Trump berichten, von seinen hundert Tagen im Amt, in denen er auch die Demontage aller umweltpolitischen Errungenschaften eingeleitet hat. Umso entschlossener geht Macfarlane los, dem Anfang und dem Ende seines neuen Buches entgegen, dem Anfang und dem Ende des Lebens.
Kein überschüssiges Gramm, ein federnder Gang. Hände, mit denen er spricht und die er ausstreckt, wenn ihm etwas auffällt, und das passiert ständig. Am rechten Handgelenk hat er ein Flusszeichen unter dem Stoffband tätowiert, das ihm Kanadas berühmteste Kämpferin für Wasser mitgegeben hat. Er spricht in glasklaren Sätzen und strahlt dabei die Geduld eines Menschen aus, der aus Leidenschaft Lehrer geworden ist. Etwas Nobles umgibt ihn, dabei kann dieser Macfarlane ganze Tiraden von Fluchwörtern von sich geben, und zwar ziemlich oft, wie seine Freunde erzählen.
Man muss mit ihm gehen, um ihn zu verstehen. Er hat seine Bücher buchstäblich erklettert, erwandert oder gar erkrochen. Er stieg von den Höhen hinab in die Tiefen, getrieben von derselben Neugier, mit der er jetzt dem Wasser entlang geht, das erst eine dreckige Brühe war, dann ein trüber Teich, ein stehender Bach, ein Kräuseln, mehr Strömung, mehr Klarheit. «Du wirst sehen, wie das Leben zurückkehrt, je weiter wir stromaufwärts gehen», sagt Macfarlane, und so ist es auch.
Mal hört er einen Zilpzalp, «zi-zi-zi-züüü», mal begrüsst er eine Familie von Teichhühnern, «wie flauschige Pingpong-Bälle». Und dann, «oh mein Gott!», eine schwimmende Ringelnatter, «als würde Wasser sich gegen Wasser bewegen!». So mäandert das Gespräch von da nach dort und kommt irgendwann weit weg von dem Ort an, an dem es begonnen hat.
Macfarlane kennt den Namen jedes Strauchs, jedes Tiers, und sei es noch so klein. Es ist der Ausdruck einer Verbindung zu allem, was lebt und in Beziehung steht. «Er channelt konstant», sagt die Mykologin Giuliana Furci, die mit ihm im ecuadorianischen Nebelwald war. Das bedeutet: Er lauscht all ihren Stimmen. Er hört sie, riecht sie, spürt sie, und begreift sie in all ihren Formen und Dimensionen – auch historisch, kulturell und philosophisch: Diese Schichten sind es, die seinen Büchern die Tiefe eines Nachthimmels verleihen.
Immer schon hat Macfarlane mit der Landschaft geschrieben und nicht bloss über sie. Jetzt geht er gar so weit, die Flüsse als «Co-Autoren» zu bezeichnen, weil für ihn alles Denken intersubjektiv ist. Ein Grossteil seines neuen Buches sei auf Flüssen entstanden, an ihren Ufern oder zumindest in ihrer Hörweite. «Sie haben mich begraben und wieder ausgespuckt», sagt der Autor, der auf den letzten Seiten fast liquid schreibt, kaum Punkte, viele Kommas, er ist ja auch «geflusst» worden. Und noch etwas hat sich verändert in all den Jahren: Früher hat er nur aus Liebe geschrieben, heute auch aus Angst.
Als wir uns zum ersten Mal trafen, im April 2015, haben wir über das gesprochen, was vielleicht die ersten Anzeichen der grünen Welle waren: Die Frage, warum sich Menschen in verhaltensauffälligem Ausmass nach Natur sehnen. Vier Jahre später war die Zeit des naiven Staunens auch in seinem Buch «Underland» vorbei, in dem er die unterirdische Welt als Spiegel des Klimawandels beschreibt und Klaustrophobie als Gefühl unserer Zeit. Heute schmettert er auch jenen nackte Zahlen entgegen, die Flüsse als H2O plus Schwerkraft bezeichnen und sein neues Buch als Hippie-Nonsens: Nur 14 Prozent aller Flüsse in England und Wales seien in einem guten ökologischen Zustand und kein einziger in einem guten chemischen. Sprich: «Jeder Fluss in England stirbt. Diese Krise ist sowohl eine Krise der Vorstellungskraft als auch eine der Gesetzgebung», sagt er an Lesungen, in Interviews und Podcasts, um dann die nächste grosse Frage zu stellen: «Wie konnte es so weit kommen, und wohin gehen wir von hier?»
Kapitel III – Die Quellen
Noch etwa vierzig Minuten bis zu den Nine Wells. Wir sind vom Lauf des Wassers abgekommen. Der Weg führt querfeldein, durch einen mit Graffiti besprühten Tunnel, den Bahnschienen entlang, am Krankenhaus vorbei. Bussarde, Aurorafalter, jede Menge Weissdorn und ein künstlicher Teich. Es ist heiss, der Weg zieht sich, Robert Macfarlane geht voran, den Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, als würde ihn jemand ziehen.
Er kommt aus einer ambitionierten Familie. Sein Grossvater war der Spitzendiplomat und Alpinist Sir Edward Peck. Seine Eltern, beide Ärzte wie sein Bruder, sind ebenfalls für ihre Dienste geadelt worden. Allen gemeinsam ist, dass sie immer nur eines wollten: nach oben, hinauf, in die Berge. Auf den ersten Kinderfotos leuchtet Roberts weissblondes Haar aus dem Rucksack des Vaters. Bis heute hält sich in der Familie die Legende, seine Mutter sei während der Schwangerschaft auf den schottischen Gipfel Ben Avon gestiegen, um in einem ausgewaschenen Granitbecken zu baden und dem ungeborenen Kind einen Segen zu bringen.
«Es ist ein seltsames Paradox meines Lebens, im flachsten Teil dieses Landes zu leben», sagt Macfarlane. Aber die Berge seien geduldig, fügt er an, sie seien immer für ihn da, wenn er sie brauche, er sich bedrückt fühle, sich sorge, um die Flüsse, seine Familie, die Zukunft seiner Kinder Lily, 21, Tom, 19, und Will, 12.
Nachts drehten die Gedanken in seinem Kopf oft so sehr, sagt er, dass er nur drei Stunden Schlaf finde. Und wenn er morgens aufsteht, muss er auf dem immer gleichen Papier eine To-do-Liste schreiben, als könnte er sie mit dem 0,3-Millimeter-Bleistift bändigen, den er immer in der Hosentasche hat, zusammen mit einem Notizbuch der Marke Field Notes. «Ich habe einen sehr starken kreativen Schaffensdrang – und zugleich immer stärker das Gefühl, mein Leben könnte jederzeit enden», sagt er. Todesangst mit 48? «Es mag lächerlich klingen, aber ich möchte alles erledigt haben, wenn die Zeit gekommen ist.»
Weitergehen, dem Ziel entgegen, hinauf zur Brücke, unten braust ein Zug der London-Cambridge-Linie durch, endlich ist es zu sehen – das Wäldchen, das hellgrün aus gelben Rapsfeldern leuchtet.
Schon lange stand fest, dass er für sein neues Buch nach Ecuador reisen musste, dieses kleine Land «mit einer grossen Vorstellungskraft», wie Macfarlane es beschreibt: Denn Ecuador ist das erste Land der Welt, das der Natur in seiner Verfassung eigene Rechte zugesprochen hat. «Urwälder haben das Recht, ungefällt zu wachsen, Flüsse das Recht, unverschmutzt zu fliessen.» Und auf Basis dieser Rechtsgrundlage aus dem Jahr 2008 konnte einer der artenreichsten Lebensräume vor dem Bergbau bewahrt werden – der Nebelwald von Los Cedros mit dem gleichnamigen Fluss der Zedern.
Macfarlane ist vor ein paar Jahren zu seinen Quellen gewandert, wie wir heute zu den Nine Wells. Der Weg führte durch einen Wald, in dem alles tropft, glitzert, flüstert, eine «lebende Wunderkammer» voller Tiere, Vögel, Pflanzen und Pilze, «die direkt der Phantasie eines Hieronymus Bosch entsprungen sein könnten: die Stacheltaschenmaus, die Würgefeige, der Krakenarmpilz». Unzählige Arten leben dort, von denen kaum jemand weiss, dass sie existieren: Frösche zum Beispiel, die ihre Haut sekundenschnell von einer geschmeidigen in eine körnige verwandeln können. Oder seine Lieblingsorchideen, die ihre Bestäuber mit dem Geruch von verwesendem Fleisch anlocken.
Auf seinen Reisen nach Ecuador, Indien und Kanada hat Macfarlane viele Menschen kennengelernt, die die Natur radikal neu denken. Sie sind Teil der wachsenden Rights-of-Nature-Bewegung, die weltweit in Dutzenden Ländern dafür plädiert, Ökosysteme nicht nur als Rohstofflieferanten zu begreifen, sondern als Wesen mit eigenen Rechten. «Auch diese Vorstellung mag im ersten Moment absurd scheinen», sagt er, «aber es gibt noch andere nichtmenschliche Wesen, die in unserem System eine Rechtspersönlichkeit und somit Rechte haben: Unternehmen. Du und ich können morgen eine Firma gründen, die sofort mehr Rechte hat als ein Fluss, der seit 12 000 Jahren durch dieses Land fliesst.»
Heilendes Wasser
Und dann sind wir da. Nine Wells Wood. Nur ein verwittertes Schild weist auf den «historisch bedeutenden Ort mit mehreren Kreidequellen» hin. Ein Pfad führt in die Kühle hinein und zwischen alten Buchen hindurch. «Sie sind verwundet, sie sind bescheiden», sagt Macfarlane, als müsste er sich dafür entschuldigen, dass Menschen und Dürren sie fast zum Versiegen gebracht haben.
Das erste Becken liegt gut versteckt zwischen Stämmen und Büschen, in einer Senke, kaum mehr als einen Meter tief. Das Wasser ist so klar, dass sein Bett aus Steinen, Blättern und Sedimenten genau zu erkennen ist. Wir tun das, was Macfarlane immer tut, wenn er hier vorbei joggt: die Böschung hinabklettern zwischen Ästen und Blättern, eine Handvoll Quellwasser trinken, das angenehm kühl ist und weich schmeckt.
«Hier kannst du den Puls sehen», sagt er und zeigt auf die Stelle links unten, an der tatsächlich eine leichte Bewegung sichtbar ist. Der Wasserstand reicht kaum bis in die Mitte meines Unterarms, aber er könnte niedriger sein nach den trockenen Monaten. Und auf einmal scheint sie so klar wie das Wasser, die Antwort auf die irritierende Frage, die Robert Macfarlane seit fünf Jahren nicht loslässt: «Sind Flüsse Lebewesen?»
Sie haben ein Leben und ein Sterben. Sie fliessen durch die Landschaft wie das Blut durch menschliche Adern. Sie fliessen durch unsere Körper, Biografien und Geschichten. Tausende Jahre haben sie das Leben um sich geschaffen und sie werden es noch Tausende Jahre tun. Vor uns liegt mehr als ein Quell-Kreidebach, mehr als eines der seltensten Ökosysteme der Welt – «ein Patient, mit einem Puls, einem Herzschlag».
Inzwischen hängt er an einem Leitungssystem mit Kunststoffrohren, um ihm im Notfall Leben einzupumpen. Zudem kümmert sich eine Gruppe von Freiwilligen um ihn. Während wir seinem Lauf entlang durch das Wäldchen gehen, entdecken wir Barrieren aus Baumstämmen, mit denen sie das Wasser trichtern, um ihm das Fliessen zu erleichtern.
Am Ufer des zweiten Beckens wächst ein alter Dornbaum, an den jemand ein rotes Stoffband angebunden hat. Es ist ein Brauch aus Zeiten, in denen Menschen noch an die heilende Kraft des Wassers glaubten. Im Zuge der Reformation sind zwar viele als heilig verehrte Brunnen zugeschüttet worden. Aber es kommen immer noch Menschen hierher, um Bänder für ihre Liebsten anzubinden, die im nahen Krankenhaus im Sterben liegen.
Auch Macfarlane wollte das tun. Für den Freund, den er vor einer Woche verloren hat – Jamie. Nur fehlte dafür die Zeit. «Niemand wusste, wie krank er war, er hat es keinem von uns gesagt», erzählt er, als wir am Wasser den Ingwertee trinken, den er mitgebracht hat. Nach einer Weile sagt er: «Flüsse sind leicht zu verletzen. Aber eins weiss ich mit Sicherheit: Wenn man ihnen die Chance gibt, heilen sie erstaunlich schnell. Und wenn sie das tun, dann heilen sie auch uns.»
So kommt an diesem Ort alles zusammen, Licht und Schatten, Anfang und Ende, Leben und Sterben. Macfarlane steht auf, geht zum Ufer, um ein paar Fotos zu machen. Als er zurückkommt, sagt er: «Es freut mich, wie lebendig er heute ist, dieser junge, neugeborene Fluss.»